Das Wort Gottes im Exil
Mit diesem Kapitel schließt der zweite Akt unserer Reise. Wir haben die Struktur der 70 Jahrwochen betrachtet, die stillen Jahrhunderte durchschritten, Jerusalem als Zentrum des Dramas erkannt, den Prototyp Antiochus kennengelernt und das Prinzip von Prototyp und Eskalation verstanden. Nun wenden wir uns einer Frage zu, die all diese Themen verbindet: Wie verhält sich Gottes Wort, wenn sein Volk in der Fremde ist?
Das Exil ist nicht nur ein historisches Ereignis. Es ist, so legt der biblische Text nahe, eine Grundkategorie des Glaubens – eine Situation, die sich in verschiedenen Formen wiederholt.
Daniel: Ein Mann des Wortes in fremdem Land
Daniel lebte den größten Teil seines Lebens in Babylon. Er war als junger Mann weggeführt worden und starb als alter Mann – immer noch im Exil, immer noch in der Fremde. Er kannte keine andere Normalität als das Leben unter fremder Herrschaft.
Doch inmitten dieser Situation hielt Daniel an etwas fest: dem Wort Gottes. In Daniel 9,2 heißt es, dass er „in den Schriften“ las und dabei Jeremias Prophezeiung über die 70 Jahre entdeckte. Das Wort, das einst durch den lebendigen Propheten gesprochen worden war, lag nun als Schrift vor – und Daniel studierte es.
Dieses Detail ist bedeutsam. Im Exil gab es keinen Tempel, keinen Opferdienst, keine prophetische Stimme, die neu vom Himmel sprach. Was blieb, war das geschriebene Wort. Daniel verhielt sich zu diesem Wort nicht passiv. Er las, er meditierte, er betete – und aus dieser Begegnung mit dem Wort entstand sein großes Gebet, das wiederum neue Offenbarung hervorrief.
Das Wort als Ankerpunkt
Für die Exilgemeinde war das geschriebene Wort der Ankerpunkt in einer Welt, die keinen Sinn mehr zu ergeben schien. Die großen Verheißungen standen im Raum – Land, Tempel, König, ewiger Bund –, doch nichts davon war sichtbar. Das Volk lebte unter fremden Göttern, in fremder Sprache, unter fremdem Recht.
In dieser Situation wurde das Wort zur Identitätsmarke. Die Tora wurde zum zentralen Text, um den sich das Leben organisierte. Die Sabbatfeier, die Beschneidung, die Speisegebote – all diese Praktiken gewannen neue Bedeutung als Zeichen der Zugehörigkeit zu Gottes Volk, auch und gerade in der Diaspora.
Die Synagoge entstand als Ort, an dem man sich um das Wort versammelte – nicht um Opfer darzubringen, sondern um zu lesen, zu hören, zu beten. Das geschriebene Wort wurde zum Heiligtum in einer Zeit, als das steinerne Heiligtum in Trümmern lag.
Prophetisches Schweigen und Worttreue
Die Zeit nach dem Exil, die wir als die „62 Wochen der Stille“ betrachtet haben, war eine Zeit ohne neue kanonische Prophetie. Doch sie war keine Zeit ohne Wort. Im Gegenteil: Es war die Zeit, in der die Schriften gesammelt, geordnet und kanonisiert wurden.
Was bedeutet das? Die lebendige prophetische Stimme, die einst durch Mose, Samuel, Elia, Jeremia und andere gesprochen hatte, war verstummt. Doch das Wort, das durch sie gekommen war, blieb. Es lag nun schriftlich vor und konnte studiert, ausgelegt, weitergegeben werden.
Das prophetische Schweigen war, so betrachtet, keine Abwesenheit des Wortes. Es war eine Verschiebung: vom gesprochenen zum geschriebenen Wort, von der unmittelbaren Offenbarung zur Meditation über das bereits Geoffenbarte. Daniel selbst praktiziert diese Verschiebung. Er empfängt neue Offenbarung – aber er empfängt sie, während er über Jeremia nachdenkt. Das Neue wächst aus dem Alten.
Das Wort zwischen den Zeiten
Daniel lebte zwischen den Zeiten. Jeremia hatte die 70 Jahre angekündigt. Daniel wartete auf ihre Erfüllung. Er befand sich in dem Raum zwischen Verheißung und Erfüllung – dem Raum, den der Glaube bewohnt.
Dieser Raum ist charakteristisch für die biblische Existenz. Abraham erhielt Verheißungen, die er zu seinen Lebzeiten nicht erfüllt sah. Mose schaute das verheißene Land, durfte es aber nicht betreten. David hörte von einem ewigen Königreich, das erst Jahrhunderte später in vollem Sinn offenbar werden sollte. Der Glaube lebt im „Schon“ und „Noch-Nicht“.
Für Daniel war das geschriebene Wort das Bindeglied zwischen den Zeiten. Es verband ihn mit der Vergangenheit – mit den Verheißungen, die Gott gesprochen hatte. Und es verband ihn mit der Zukunft – mit der Erfüllung, die noch ausstand. Das Wort überbrückte die Zeit.
Die Meditation als Gebet
Daniels Gebet in Kapitel 9 ist bemerkenswert, weil es aus der Schriftlesung erwächst. Der Prophet liest Jeremia, erkennt, dass die 70 Jahre fast erfüllt sind, und bricht in Gebet aus. Das Wort wird zum Gebetsgrund.
Diese Verbindung von Wort und Gebet ist charakteristisch für die biblische Frömmigkeit. Das Gebet ist keine freie Assoziation, keine bloße Gefühlsäußerung. Es ist, zumindest in dieser Tradition, eine Antwort auf das, was Gott bereits gesagt hat. Daniel bittet um die Erfüllung dessen, was Gott verheißen hat. Sein Gebet ist ein Festhalten am Wort.
Die jüdische Tradition hat diese Praxis als „Meditation“ (hagah) bezeichnet – ein Murmeln, ein wiederholtes Durchkauen des Wortes, bis es ins Herz sinkt. Daniel praktiziert diese Meditation, und aus ihr entsteht sein Gebet. Und auf dieses Gebet antwortet Gott mit neuer Offenbarung.
Das Wort im Exil heute
Die Erfahrung Daniels ist nicht auf seine Zeit beschränkt. Die christliche Tradition hat die Exilsituation oft als Bild für die gegenwärtige Zeit verwendet. Die Gemeinde lebt zwischen den Zeiten – zwischen Christi erstem und zweitem Kommen. Sie hat Verheißungen, die noch nicht erfüllt sind. Sie wartet, hofft, betet.
In dieser Situation ist das geschriebene Wort – die Bibel – derselbe Ankerpunkt, den es für Daniel war. Es verbindet mit der Vergangenheit, in der Gott gehandelt hat. Es öffnet die Zukunft, auf die Gott hinarbeitet. Es gibt Identität in einer Welt, die andere Loyalitäten fordert.
Die Parallele zwischen Daniels Situation und der gegenwärtigen ist, so die strukturorientierte Lesart, kein Zufall. Sie gehört zum Muster. Das Volk Gottes befindet sich, so diese Lesart, in einem geistlichen Sinn immer im „Exil“ – unterwegs, noch nicht am Ziel, auf das Wort angewiesen.
Von der Zerstreuung zur Vorbereitung
Was wie Zerstreuung aussah, wurde zur Infrastruktur. Israel lebte längst nicht mehr nur im Land, sondern weit über die Grenzen hinaus. In Hafenstädten, Handelszentren und Verwaltungsstädten wuchs eine Diaspora heran, die ihren Glauben bewahrte – aber im Alltag andere Sprachen sprach. Aramäisch war in vielen Regionen das lebendige Idiom, Griechisch wurde zur gemeinsamen Verkehrssprache der damaligen Welt. Hebräisch blieb die Sprache der Schrift, der Gebete, der Überlieferung – doch nicht überall war es noch die Sprache der Straße.
Genau hier beginnt, so legt der Text nahe, ein stiller Schlüssel der verborgenen Uhr. Wenn das Wort Gottes nicht nur zur inneren Stimme des Volkes werden soll, sondern zur Botschaft, die auch in der Zerstreuung trägt, dann muss es verständlich bleiben. Nicht als Anpassung an den Zeitgeist, sondern als Bewahrung der Verständlichkeit. Die heiligen Texte wanderten in die Weltsprache. Die Übersetzung ins Griechische wurde für viele Juden in der Diaspora zur täglichen Schrift – nicht als Ersatz der hebräischen Wurzel, sondern als Brücke in die Wirklichkeit ihrer Lebenswelt.
So entstand ein paradoxer Effekt: Gott nutzte, so diese Lesart, den Sprachwechsel, ohne die Wahrheit zu verändern. Das Wort blieb dasselbe, aber es wurde hörbar für Ohren, die längst nicht mehr hebräisch dachten. Die Zerstreuung, die sich wie Verlust anfühlte, wurde zur Vorbereitung. Die fremde Sprache, die wie Entfremdung wirkte, wurde zum Träger. Was wie Abbruch erschien, war bereits Aufbau.
Eine Szene aus der Apostelgeschichte macht das greifbar. Ein Mann aus Afrika sitzt im Wagen und liest den Propheten Jesaja – auf Griechisch, in der Sprache der Diaspora. Er hat den Text vor Augen, aber der Sinn bleibt wie hinter einem Schleier. Da kommt Philippus hinzu und stellt die schlichteste, zugleich tiefste Frage: „Verstehst du auch, was du liest?“ Der Mann antwortet nicht trotzig, sondern ehrlich: „Wie kann ich, wenn mich niemand anleitet?“ (Apostelgeschichte 8,30–31). In dieser Szene liegt, so der Text, das Muster, das später die gesamte Mission tragen wird: Übersetzung schafft Reichweite, aber Auslegung schafft Durchdringen. Der Text ist da – doch erst wenn er im Zusammenhang aufgeht, wird er zur Stimme Gottes in einem Menschen.
Und hier wird ein Detail sichtbar, das für die verborgene Uhr von Bedeutung ist. Die Synagogen, die im Exil und in der Diaspora entstanden waren, wurden zu mehr als Orten der Versammlung. Sie wurden zu Knotenpunkten des Wortes. Dort wurde gelesen, dort wurde ausgelegt, dort wuchs Erwartung. Als Paulus später seine Reisen durch die Städte des Römischen Reiches unternahm, begann er, wie die Apostelgeschichte berichtet, immer wieder an diesen Orten. Er griff in ein vorhandenes Netz. Die Welt war nicht „zufällig bereit“. Sie war, so legt der Text nahe, vorbereitet – nicht durch menschliche Planung, sondern durch eine Ordnung, die leise im Hintergrund wirkte.
So wurde aus dem scheinbaren Nachteil ein heilsgeschichtlicher Hebel. Eine Generation, die nicht mehr selbstverständlich althebräisch dachte, wurde nicht vom Wort abgeschnitten, sondern durch Übersetzung an das Wort gebunden. Eine Zerstreuung, die das Volk schwächte, schuf zugleich Reichweite. Und eine Schrift, die in der Weltsprache zugänglich wurde, machte es möglich, dass das Evangelium später in derselben Sprache in die gesamte bekannte Welt ging. Was wie Bruch aussah, war, so die strukturorientierte Lesart, im Inneren bereits Takt.
Das Wort und die Zeit
Das Verhältnis zwischen Wort und Zeit ist komplex. Gottes Wort setzt, wie wir in Kapitel 1 gesehen haben, die Zeit in Bewegung. „Und Gott sprach…“ – und aus dem Sprechen entsteht die Schöpfung, entsteht die Zeitordnung. Das Wort geht der Zeit voraus.
Zugleich wirkt das Wort durch die Zeit hindurch. Jeremias Wort von 605 v. Chr. blieb über Jahrzehnte hinweg gültig. Daniel las es fast sieben Jahrzehnte später und fand es unverändert wahr. Das Wort altert nicht.
Und das Wort zielt auf die Zeit. Die Verheißungen sind auf Erfüllung angelegt. Sie warten auf ihren Moment. Gottes Uhr tickt, und das Wort ist das Zifferblatt, auf dem wir ablesen können, wo wir stehen – ungefähr jedenfalls, denn die genaue Stunde kennen wir nicht.
Abschluss des zweiten Aktes
Mit diesem Kapitel endet der zweite Akt unserer Reise. Wir haben uns in die Tiefe der 70 Jahrwochen begeben, die stillen Jahrhunderte betrachtet, Jerusalem als Zentrum erkannt, den Prototyp Antiochus studiert, das Prinzip der dreifachen Heilsgeschichte verstanden und nun das Wort im Exil als Ankerpunkt entdeckt.
Der dritte Akt führt uns in die Konvergenz: Wie greifen diese Muster zusammen? Wie verwendet Jesus die Danielprophezeiung? Was bedeutet der „Mensch der Gesetzlosigkeit“? Und was sagt uns das für unsere Zeit?
Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Sein Wort bleibt, auch im Exil, auch in der Stille. So jedenfalls zeichnet es der Text.
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung
© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.