Kapitel 2: Die Exilsuhr – Jeremias 70 Jahre

Im Jahr 605 v. Chr.\ befand sich Jerusalem in einer prekären Lage. Die Stadt, einst Zentrum des davidischen Königtums, glich einem Schiff in stürmischer See, eingeklemmt zwischen den Wellen zweier Großmächte. Im Süden lag Ägypten, das nach dem Fall des assyrischen Großreichs versuchte, die entstandene Machtlücke zu füllen. Im Norden erhob sich das neu erstarkende babylonische Reich unter der aufstrebenden Führung Nebukadnezars.

König Jojakim, ein Vasall Ägyptens, versuchte seine eigene politische Linie zu verfolgen. Doch die Schlacht bei Karkemisch veränderte alles. Babylon besiegte die ägyptischen Truppen, und ein monumentaler Machtwechsel vollzog sich: Babylon stieg zur dominierenden Großmacht des Nahen Ostens auf. Die Zeit der assyrischen und ägyptischen Vorherrschaft wich einer neuen Ära.

Die äußere Bedrohung war jedoch nur ein Symptom eines tieferen Verfalls. Das Volk hatte sich weit vom HERRN entfernt. Der Tempel stand noch, die Opfer wurden dargebracht, die Feste gefeiert – doch das Herz der Nation schlug für andere Götter. Baal-Altäre säumten die Hügel, heidnische Rituale durchdrangen die Kultur, soziale Ungerechtigkeit zerriss das gesellschaftliche Gefüge.

In dieser Atmosphäre der politischen Spannung und geistlichen Dämmerung erhob sich eine einsame Stimme. Ein Prophet, der nicht schweigen konnte, obwohl niemand hören wollte. Sein Name: Jeremia.

Jeremia – die Stimme im Tor

Seit Jahren predigte Jeremia Umkehr und Gericht. Seine Botschaft war klar, aber bitter: Babylon wird kommen. Das Gericht ist unausweichlich. Die goldenen Jahre Jerusalems neigen sich ihrem Ende zu.

Was das Volk als politische Katastrophe sehen würde, war in den Augen des Propheten etwas anderes: eine Läuterung, die spätere Ausleger als göttliche Pädagogik beschrieben haben. Das Exil, so verkündete Jeremia, ist kein Zufall, keine Laune der Geschichte. Es ist, so der Prophet, die Folge von Jahrhunderten der Untreue, der Götzenanbetung, der Ablehnung von Gottes Wegen.

Doch inmitten der düsteren Prophezeiung flackerte ein Licht der Hoffnung. In Jeremia 29,10 heißt es:

So spricht der HERR: Wenn siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich mich euer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort zurückzubringen. Jeremia 29,10

Siebzig Jahre. Das Gericht ist real, aber nicht das letzte Wort. Gott setzt eine Grenze.

Jeremias Worte fielen auf taube Ohren. Die religiöse Elite verspottete ihn als Verräter. Die politischen Führer warfen ihn ins Gefängnis. Das Volk wandte sich ab, lieber den angenehmen Verheißungen der anderen Propheten lauschend, die Frieden verkündeten, wo kein Frieden war. Doch Jeremia schwieg nicht. Er konnte nicht schweigen. Denn er trug nicht seine eigenen Worte, sondern das Wort Gottes, das in ihm brannte wie ein Feuer, das er nicht zurückhalten konnte (vgl.\ Jeremia 20,9).

Der Tag, an dem die Uhr zu laufen beginnt

Im vierten Jahr des Königs Jojakim ereignete sich das Unvorstellbare. Nebukadnezar, der junge König von Babylon, zog gegen Jerusalem. Die Stadt fiel nicht vollständig – noch nicht –, aber die Demütigung war vollkommen. Babylon nahm Geiseln, plünderte Tempelschätze, führte die Elite des Landes weg.

Unter den Weggeführten waren junge Männer aus vornehmen Familien, die Besten und Klügsten der Nation. Künftige Beamte, potenzielle Führer, die Hoffnung Judas. Sie wurden nach Babylon verschleppt, in eine fremde Welt, zu einer fremden Sprache, zu fremden Göttern. Unter ihnen war ein junger Mann, dessen Name die Geschichte prägen sollte: Daniel.

Von außen betrachtet war dies eine politische Niederlage, eine Tragödie, ein Wendepunkt zum Schlechteren. Doch der biblische Text legt nahe, dass in diesem Moment etwas Unsichtbares begann: Die 70 Jahre, von denen Jeremia gesprochen hatte, nahmen ihren Anfang. Was für die Menschen wie eine Katastrophe aussah, war in Gottes Plan der präzise Startpunkt einer begrenzten Periode des Gerichts – mit einem festgelegten Ende und einer verheißenen Rückkehr.

Das Wort, das die Zeit setzt

Jeremia erhielt vom HERRN ein außergewöhnlich präzises prophetisches Wort. In zwei entscheidenden Kapiteln – Jeremia 25 und Jeremia 29 – verkündete er eine Zeitspanne, die in der Prophetie einzigartig konkret ist: siebzig Jahre.

In Jeremia 25, im Kontext eines umfassenden Gerichts über Juda und die umliegenden Völker, erklärt Gott: „Dieses ganze Land soll zur Trümmerstätte werden …{} und diese Völker sollen dem König von Babel dienstbar sein siebzig Jahre lang.“ Babylon wird zum Werkzeug des göttlichen Gerichts – aber auch Babylon selbst unterliegt einer göttlichen Frist.

Jahre später schreibt Jeremia einen Brief an die bereits Weggeführten in Babylon. Seine Botschaft: Richtet euch ein, baut Häuser, pflanzt Gärten – denn ihr werdet lange bleiben. „Aber wenn siebzig Jahre für Babel voll sind, werde ich euch heimsuchen und mein gutes Wort an euch erfüllen.“

Was hier geschieht, ist bemerkenswert: Gott setzt nicht nur ein Gericht an, sondern begrenzt es von Anfang an. Er verkündet nicht nur Zerstörung, sondern gleichzeitig Wiederherstellung. Er spricht nicht nur über das Ende, sondern auch über einen Neuanfang. Die 70 Jahre erscheinen im Text als Gottes Zeitplan – eine verborgene Uhr, die von Anfang an auf Heimkehr ausgerichtet ist.

Denn ich kenne die Gedanken, die ich über euch denke, spricht der HERR, Gedanken des Friedens und nicht zum Unheil, um euch Zukunft und Hoffnung zu gewähren. Jeremia 29,11

Nicht Könige, sondern das Wort Gottes

Hier liegt ein Punkt, den man leicht übersehen kann: Der Startpunkt der prophetischen Zeitrechnung ist nicht ein persischer Erlass, nicht ein königliches Dekret, nicht eine politische Entscheidung menschlicher Machthaber. Es ist Gottes Wort durch seinen Propheten Jeremia, das den Beginn markiert.

Dies ist kein nebensächliches Detail. Es offenbart etwas über die Art und Weise, wie der Text Gottes Handeln in der Geschichte darstellt: Nicht die sichtbaren Mächte der Welt setzen letztendlich die Zeit und ihre Grenzen. Es ist das unsichtbare, aber mächtige Wort des Schöpfers, das über allem steht.

Man sieht diese Uhr nicht. Sie hängt nicht im Palast Nebukadnezars. Sie steht nicht im Tempel von Jerusalem. Sie ist verborgen in den Ratschlüssen Gottes, aufgezeichnet in seinem prophetischen Wort. Doch sie läuft. Unaufhaltsam. Präzise. Zuverlässig – so jedenfalls zeichnet es der Text.

Jeremias Verkündigung ist nach diesem Verständnis nicht nur Information über die Zukunft. Das prophetische Wort erscheint als aktiv und zeitgestaltend. Die wichtigsten Dinge im Königreich Gottes sind oft unsichtbar. Die Weggeführten sehen Ketten und Fremdherrschaft – Gott sieht, so legt der Text nahe, eine laufende Uhr, die auf Befreiung zuläuft.

Daniel – ein junger Mann mit Jeremias Worten im Herzen

Stellen wir uns Daniel vor, Jahre nach seiner Ankunft in Babylon. Er lebt jetzt am königlichen Hof, trägt einen babylonischen Namen, spricht fließend Akkadisch, hat die chaldäische Literatur studiert. Äußerlich ist er ein Erfolg – ein Beamter in der Verwaltung des mächtigsten Reiches seiner Zeit.

Doch der Text lässt erkennen, dass er an etwas anderem festhält. Er hat Jeremias Worte gehört – vielleicht sogar als junger Mann in Jerusalem, bevor die Wegführung kam. Oder die Schriften haben ihn im Exil erreicht, Kopien von Jeremias Briefen, die von Hand zu Hand gingen unter den Verschleppten.

Daniel existiert in einem ständigen Spannungsfeld zwischen zwei Realitäten. Das Gericht ist real: Er lebt es jeden Tag. Jerusalem liegt in Trümmern. Der Tempel ist zerstört. Das Volk ist zerstreut. Die Herrlichkeit ist gewichen. Zugleich ist die Hoffnung real: Gott hat gesprochen. Siebzig Jahre. Dann Rückkehr. Dann Wiederherstellung. Dann Zukunft.

Diese beiden Wahrheiten prägen, wie der Text zeigt, sein Gebet und sein Handeln. Er steht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Zerstörung und Verheißung, zwischen dem Bereits und dem Noch-Nicht.

Während die Babylonier ihre eigenen Kalender führen, ihre Mondfeste feiern, ihre Götter anbeten, trägt Daniel in seinem Herzen eine andere Zeitrechnung. Die Uhr Gottes. Die 70 Jahre. Er zählt nicht obsessiv die Tage – aber er vergisst nicht. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Er hält fest an dem Wort, das durch Jeremia kam.

Dieses Wort wird ihn durch Jahrzehnte treuer Dienstbarkeit tragen, durch Versuchungen und Verfolgungen, durch Träume und Visionen. Und eines Tages, als alter Mann, wird dieses Wort in seinem Herzen aufbrechen zu einem Gebet, das neue Offenbarung empfängt.

Von 70 Jahren zu 70 Jahrwochen

Was mit Jeremias klarem Wort von 70 Jahren beginnt, entfaltet sich in Daniels Leben zu etwas Weiterem und Tieferem. Der alte Prophet im Exil wird zum Empfänger einer Vision, die Jahrhunderte überspannt.

Jeremias Wort sprach von 70 Jahren Exil – konkret, begrenzt, historisch erfüllbar. Daniels Vision spricht von 70 „Wochen“ – mehrstufig, prophetisch, auf den Messias gerichtet. Aus der konkreten Verheißung der Rückkehr wird ein größerer Horizont sichtbar, der – aus christlicher Perspektive gelesen – von der Heimkehr Israels bis zur endgültigen Erlösung reicht.

Im Zentrum von Daniels berühmtem Gebet in Kapitel 9 steht ein hebräisches Wort: shuv – „zurückkehren“, „umkehren“, „wiederherstellen“. Daniel liest Jeremia neu und entdeckt Schichten von Bedeutung. Es geht nicht nur um eine physische Rückkehr nach Jerusalem. Es geht um eine geistliche Umkehr zu Gott. Es geht um eine Wiederherstellung, die über das Sichtbare hinausweist.

Aus dieser tiefen Meditation über Jeremias Wort empfängt Daniel eine Antwort, die alles übersteigt: nicht 70 Jahre, sondern 70 „Wochen“ – eine Zeitstruktur, die sich als 7 Wochen, 62 Wochen und 1 finale Woche entfaltet. Sieben Wochen für den Wiederaufbau. Zweiundsechzig Wochen des Wartens. Eine letzte Woche der Vollendung.

Übergang: Daniels Gebet

Mit diesem Kapitel haben wir die Exilsuhr kennengelernt – jene 70 Jahre, die Gott durch Jeremia über sein Volk bestimmt hat. Wir haben gesehen, wie der Text das Gericht als real, aber begrenzt darstellt. Wir haben beobachtet, dass nicht Könige, sondern Gottes Wort den Startpunkt setzt. Und wir haben Daniel im Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Verheißung verortet.

Im nächsten Kapitel wenden wir uns Daniels Gebet im Detail zu: wie er Jeremias Worte meditiert, wie Gabriel erscheint, wie die 70 Jahrwochen offenbart werden. Dort wird das kleine Wort shuv zum Schlüssel für ein Verständnis, das über die bloße Rückkehr aus dem Exil hinausweist.

Das Grundmuster, das wir in der Schöpfung erkannt haben, setzt sich fort: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Vom Abend zum Morgen. Von der Finsternis zum Licht. So jedenfalls lässt sich der Text lesen.

Autor: Jochen Weerda
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung

© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.

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