Zwei Uhren – KI, Konvergenz und Gottes Zeit
Wir haben in den bisherigen Kapiteln eine Uhr verfolgt, die in den Texten der Schrift verborgen liegt. Eine Uhr, die nicht in Jahren oder Sekunden misst, sondern in Epochen, Mustern, Zyklen. Nun werfen wir einen Blick auf eine ganz andere Uhr – eine, die nicht aus der Bibel stammt, sondern aus der Mathematik. Es ist ein Seitenblick, ein Exkurs. Aber er ist aufschlussreich, denn er zeigt, wie auch außerhalb der Schrift das Gefühl einer Verdichtung wächst – und wo die Grenzen solcher Berechnungen liegen.
Die Uhr des Mathematikers
Der deutsche Informatiker und KI-Pionier Jürgen Schmidhuber hat eine Beobachtung formuliert, die in Fachkreisen diskutiert wird und gelegentlich auch in populären Medien Aufmerksamkeit erregt. Schmidhuber analysierte die großen Meilensteine der kosmischen und menschlichen Geschichte – vom Urknall über die Entstehung des Lebens, die Entwicklung des Bewusstseins bis hin zur industriellen und digitalen Revolution. Sein Befund: Die Abstände zwischen diesen Meilensteinen werden nicht linear kürzer, sondern exponentiell. Die Verdichtung beschleunigt sich selbst.
Schmidhuber errechnete aus dieser Kurve einen Konvergenzpunkt: das Jahr 2042. Nicht als „Ende der Welt“, sondern als mathematische Singularität – ein Punkt, an dem die exponentielle Kurve so steil wird, dass sie in der Theorie ins Unendliche kippt. Ray Kurzweil, ein anderer Vordenker der Künstlichen Intelligenz, kam mit ähnlichen Methoden auf das Jahr 2045. Es gibt Varianten dieser Berechnungen, aber die Richtung ist dieselbe: Irgendwann in den nächsten zwei Jahrzehnten, so die These, erreicht die technologische und kognitive Beschleunigung einen Punkt, an dem alles Bisherige überholt wird.
Bereits 2029 erwarten manche Forscher, dass Künstliche Intelligenz das Niveau menschlicher Allgemeinkompetenz erreicht – die sogenannte „Artificial General Intelligence“ (AGI). Wenn das geschieht, wäre es nicht nur ein technologischer Meilenstein, sondern ein zivilisatorischer Wendepunkt.
Was die Kurve zeigt – und was nicht
Um die Verdichtung, von der Schmidhuber spricht, nicht nur zu behaupten, sondern sichtbar zu machen, kann man dieselbe Gesamtstrecke $T$ – vom Beginn der Schöpfung ($\approx 13$ Mrd.\ Jahre vor 2042) bis zum angenommenen Konvergenzpunkt – auf zwei Arten skalieren: als wiederholtes Vierteln (T/4) und als grobe Makro-Skala in Tausendstel-Schritten (T/1000). Beide Reihen enden am selben Punkt. Genau diese Konvergenz erzeugt den Eindruck, als würde die Geschichte „kippen“.
Annahme: Start ist der „Beginn der Schöpfung“ ($\approx 13$ Mrd.\ Jahre vor 2042). Linie 1: schrittweises Vierteln der Zeitspanne (T/4). Linie 2: grobe Makro-Skala über Tausender-Faktoren (T/1000).
% === NEUE TABELLE: T/4 und T/1000 konvergierende Zeitreihen ===
Die zwei konvergierenden Zeitreihen (T/4 und T/1000).
Die Darstellung ist didaktisch: Sie sagt nicht, was im Jahr 2042 geschieht. Sie zeigt nur, wie drastisch die Abstände zwischen großen Entwicklungssprüngen schrumpfen, sobald man in Größenordnungen denkt. Die „Uhr des Mathematikers“ misst Tempo – nicht Sinn, nicht Wahrheit und nicht Ziel. Darum muss sie anschließend neben die biblische Perspektive gestellt werden, die nicht in eine technische Singularität mündet, sondern in eine Begegnung (siehe Abschnitt ).
Wenn man die Geschichte so skaliert, entsteht fast zwangsläufig ein Sog: Alles scheint auf einen Punkt zuzulaufen. Genau hier liegt die Stärke – und zugleich die Grenze – dieser Darstellung. Sie macht sichtbar, dass Abstände schrumpfen, dass Schwellen schneller aufeinander folgen, dass „Tempo“ zunimmt. Aber sie sagt nicht, was dieser Punkt ist. Sie kann Geschwindigkeit messen, nicht Bedeutung. Sie kann Verdichtung zeigen, aber nicht Wahrheit entscheiden. Wer aus der Kurve ein Ziel macht, hat die Skala mit der Wirklichkeit verwechselt.
Darum muss an dieser Stelle eine zweite Perspektive daneben treten: nicht als Konkurrenz zur Mathematik, sondern als Klärung dessen, was die Mathematik nicht liefern kann. Denn die Schrift fragt nicht zuerst: „Wie schnell wird es?“ – sondern: „Wer kommt?“
Der Konvergenzpunkt: Datum oder Person?
Schmidhuber nennt den Endpunkt der Verdichtung einen Konvergenzpunkt – eine Stelle, an der Entwicklungen nicht mehr „linear“ lesbar sind. In dieser Sicht ist der Punkt vor allem ein Datum, eine Schwelle im Kalender. Doch wenn man denselben Gedanken von der Schrift her betrachtet, verschiebt sich der Schwerpunkt. Die Bibel spricht nicht von einer technischen Singularität, sondern von einer Begegnung. Sie zeichnet nicht nur eine Kurve, sie benennt eine Person.
Und das ist kein rhetorischer Trick, sondern eine geistliche Unterscheidung: Ein Datum kann Angst verdichten. Eine Person kann Hoffnung stiften. Ein Datum wird berechnet. Eine Person wird erwartet. Der Konvergenzpunkt der Schrift ist nicht: „Wann kippt die Kurve?“ – sondern: „Wem gehört die Zeit?“
„Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht…“ – Jesus verweist nicht auf ein Jahr, sondern auf ein Muster. „Und dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen“ – das Ziel ist nicht eine Singularität, sondern eine Wiederkehr. Die biblische Konvergenz mündet nicht in eine technologische Schwelle, sondern in eine Begegnung.
Das ist, so die hier vertretene Lesart, der entscheidende Unterschied zwischen den beiden Uhren. Die eine fragt: Was wird möglich? Die andere fragt: Wer kommt?
Damit ist der eigentliche Unterschied zwischen den beiden „Uhren“ markiert: Die eine beschreibt Verdichtung, die andere benennt Führung. Die eine sortiert Ereignisse nach Geschwindigkeit, die andere prüft Geister nach Treue. Und genau deshalb reicht eine einzige Kurve nicht aus, wenn man die Gegenwart verstehen will. Denn Beschleunigung geschieht nicht nur in Technik, sondern auch in Gesellschaft – und sie berührt unweigerlich Glauben, Deutung und Vertrauen.
Darum zoomen wir jetzt heran: Aus der groben Makro-Skala werden drei Linien, die parallel laufen und doch verschieden sprechen – Technologie, Infrastruktur und Heilsgeschichte. So wird sichtbar, dass nicht nur „die Welt schneller wird“, sondern dass sich zugleich entscheidet, woran Menschen sich halten, wem sie glauben – und welche Stimme sie am Ende hören.
Die Beschleunigung in drei Linien
Es gibt eine zweite, detailliertere Darstellung, die Schmidhubers Konvergenztheorie in engere zeitliche Abschnitte gliedert. Die folgende Tabelle zeigt, wie die letzten Jahrhunderte und Jahrzehnte sich aus der Perspektive exponentieller Verdichtung darstellen – und welche heilsgeschichtlichen Entwicklungen parallel verlaufen.
% === KONVERGENZ-TABELLE: Drei Zeitlinien === % Vereinfachte Tabelle ohne \newline, verwendet stattdessen separate Zeilen
Drei konvergierende Linien der Beschleunigung.
Die Zeitabstände schrumpfen Die Linien konvergieren
Drei Linien der Beschleunigung lassen sich, so die Beobachtung, unterscheiden – und sie betreffen nicht nur die Technik.
Die erste Linie betrifft Israel. Die Rückkehr des jüdischen Volkes in sein Land, die Staatsgründung 1948, der Sechstagekrieg 1967, die anhaltenden Spannungen um Jerusalem – all dies geschieht in einem historischen Tempo, das beispiellos ist. Für den biblischen Leser ist diese Entwicklung nicht ohne Bedeutung, denn Jerusalem steht, wie wir in Kapitel 6 gesehen haben, im Zentrum der prophetischen Geographie.
Die zweite Linie betrifft die weltweite Gemeinde. Nie zuvor in der Geschichte war das Evangelium so weit verbreitet. Nie zuvor war die Gemeinde zugleich so zahlreich und so bedrängt. In manchen Regionen wächst sie explosiv, in anderen steht sie unter Druck. Auch hier eine Verdichtung, die dem exponentiellen Muster der Weltuhr ähnelt.
Die dritte Linie betrifft den Einzelnen. Nie zuvor hatte ein Mensch so viel Information zur Verfügung – und nie zuvor war die Frage drängender, was davon wahr ist. Die Künstliche Intelligenz verspricht Antworten auf alle Fragen. Die Bibel stellt eine andere Frage: Wem vertraust du?
Was die Künstliche Intelligenz nicht kann
An dieser Stelle sei ein nüchternes Wort gesagt. Die Künstliche Intelligenz ist ein Werkzeug. Ein mächtiges, ein in mancher Hinsicht beeindruckendes Werkzeug. Sie kann Texte analysieren, Muster erkennen, Berechnungen durchführen, die menschliche Kapazität weit übersteigen. Es gibt keinen Grund, sie zu dämonisieren.
Aber es gibt auch keinen Grund, sie zu vergöttern. Denn was die KI nicht kann, ist genau das, wovon die biblischen Texte sprechen: umkehren. Das hebräische Wort shuv, das uns durch dieses Buch begleitet hat, beschreibt einen Akt des Willens, des Vertrauens, der Beziehung. Es beschreibt die Hinwendung eines Geschöpfs zu seinem Schöpfer. Kein Algorithmus kann das leisten. Keine Rechenleistung ersetzt es.
Die Konvergenztheorien von Schmidhuber und Kurzweil beschreiben, was an Rechenleistung, Komplexität und Geschwindigkeit möglich wird. Sie beschreiben nicht, was an Umkehr, Versöhnung und Hoffnung nötig ist. Die exponentiellen Kurven steigen an – aber die Frage, die sie nicht beantworten können, ist die Frage Daniels im Exil: Wann, Herr, und wohin führt das alles?
Die Schrift gibt auf diese Frage keine mathematische Antwort. Sie gibt eine andere: „Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten, sondern er ist langmütig euch gegenüber“ (2. Petrus 3,9). Die Verzögerung ist, so der Text, kein Fehler im Algorithmus. Sie ist Gnade.
Die absichtsvoll geordnete Schöpfung
Dass es überhaupt exponentielle Kurven in der Geschichte gibt, dass Komplexität nicht zufällig, sondern in erkennbaren Mustern wächst – das ist, so könnte man sagen, selbst ein Hinweis. Ein Hinweis darauf, dass die Welt nicht chaotisch ist, sondern geordnet. Dass hinter dem Strom der Ereignisse eine Struktur liegt.
Die Bibel nennt diese Struktur: Schöpfung. Nicht im Sinne eines einmaligen Aktes, der in ferner Vergangenheit liegt, sondern im Sinne einer fortdauernden Ordnung. Gott hat die Welt nicht geschaffen und sich dann zurückgezogen. Er hat sie geschaffen und zählt ihre Tage. Er hat sie geordnet und hält sie in dieser Ordnung.
Die exponentiellen Kurven der Technikgeschichte widersprechen dem nicht. Sie bestätigen es, so könnte man aus dieser Perspektive sagen, auf ihre eigene, unbeabsichtigte Weise. Die Welt beschleunigt sich – aber sie beschleunigt sich nicht ins Chaos. Sie beschleunigt sich auf etwas zu. Die Frage ist nur: auf was?
Schmidhuber sagt: auf eine Singularität. Die Schrift sagt: auf eine Begegnung. Beide beobachten Konvergenz. Aber nur die Schrift benennt, wer am Konvergenzpunkt wartet.
Vom Datum zur Nähe
Wir kehren zur Ausgangsfrage zurück. Was bedeutet es, wenn ein Mathematiker und ein Prophet auf verschiedenen Wegen zu einem ähnlichen Befund kommen – dass die Geschichte sich verdichtet, dass die Abstände schrumpfen, dass etwas bevorsteht?
Es bedeutet nicht, dass 2042 das Ende kommt. Es bedeutet nicht, dass Schmidhuber ein Prophet ist. Es bedeutet nicht, dass die KI die Apokalypse bringt.
Es bedeutet etwas Bescheideneres und zugleich Tieferes: dass die Frage der Nähe drängender wird. „Nähe“ – nicht als Datum, sondern als existenzielle Wirklichkeit. Die Texte der Schrift sprechen von einer „Naherwartung“, die nicht an ein bestimmtes Jahr gebunden ist, sondern an eine Haltung: bereit zu sein, wachsam zu sein, shuv zu leben – die Umkehr als tägliche Praxis, nicht als einmaligen Akt vor dem berechneten Ende.
Die Uhr des Mathematikers mag auf 2042 zeigen. Die Uhr Gottes zeigt auf etwas anderes. Sie zeigt auf den, der kommt. Wann er kommt, wissen wir nicht. Dass er kommt, bezeugt der Text. Und wie wir bis dahin leben, ist die eigentliche Frage.
Denn am Ende geht es nicht um Algorithmen oder Singularitäten. Es geht um das, was Daniel im Exil wusste, was die Makkabäer in der Verfolgung bewiesen, was die frühe Gemeinde in der Erwartung lebte: Gott zählt. Gott begrenzt. Gott führt hindurch. Keine KI der Welt kann das ersetzen. Keine exponentielle Kurve kann es überbieten.
So jedenfalls zeichnet es der Text.
Übergang: Die letzte Beschleunigung
Mit diesem Exkurs haben wir den Blick geweitet – von der verborgenen Uhr der Schrift zur sichtbaren Kurve der Technikgeschichte. Wir haben gesehen, dass beide eine Verdichtung zeigen, aber verschiedene Dinge messen und auf verschiedene Ziele weisen.
Im letzten Kapitel unserer Reise fragen wir: Was bedeutet das alles für uns? Wie lebt man mit diesem Wissen? Und was meint die Tradition mit der „letzten Beschleunigung“?
Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Die Uhr tickt. Wir hören sie nicht, aber die Texte helfen uns, ihre Spuren zu lesen. So jedenfalls zeichnet es der Text.
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung
© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.