Kapitel 12: Die Endzeitrede – der Greuel

Die Endzeitrede – der Greuel

In den Evangelien gibt es eine Rede Jesu, die als „Endzeitrede“ oder „Ölbergrede“ bekannt ist. Sie findet sich in Matthäus 24, Markus 13 und in kürzerer Form in Lukas 21. Diese Rede ist der Ort, an dem Jesus selbst auf Daniel zurückgreift und das Muster des „Greuels der Verwüstung“ auf kommende Ereignisse anwendet.

Dieses Kapitel fragt: Wie verwendet Jesus die Danielprophezeiung? Was sagt er über den „Greuel“? Und wie fügt sich seine Rede in das Muster von Prototyp und Eskalation ein?

Der Anlass: Der Tempel und seine Zukunft

Die Endzeitrede beginnt mit einem Gespräch über den Tempel. Die Jünger zeigen Jesus die prächtigen Bauten des herodianischen Tempels. Seine Antwort ist erschütternd: „Es wird hier nicht ein Stein auf dem anderen bleiben, der nicht abgebrochen wird“ (Matthäus 24,2).

Diese Ankündigung löst die Fragen der Jünger aus, die den Rest der Rede prägen: Wann wird das geschehen? Und was ist das Zeichen deiner Ankunft und des Endes der Welt? Bemerkenswert ist, dass die Jünger offenbar beide Ereignisse zusammendenken – die Tempelzerstörung und das Weltende. Für Jesus hingegen, so der Text, sind sie verbunden, aber nicht identisch.

Der Verweis auf Daniel

Mitten in seiner Antwort macht Jesus eine explizite Verknüpfung: „Wenn ihr nun den Greuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde, an heiliger Stätte stehen seht – wer es liest, der merke auf! – dann fliehe auf die Berge“ (Matthäus 24,15–16).

Diese Formulierung ist bemerkenswert. Jesus nennt Daniel ausdrücklich als Quelle. Er verwendet den technischen Begriff „Greuel der Verwüstung“ (\griech{bdelygma tēs erēmōseōs}), der aus der Septuaginta-Übersetzung von Daniel stammt. Und er fügt einen redaktionellen Einschub hinzu: „Wer es liest, der merke auf!“ – eine Aufforderung zur sorgfältigen Auslegung.

Jesus behandelt Daniel nicht als abgeschlossene Geschichte. Er behandelt ihn als prophetischen Text, der auf seine eigene Zeit und darüber hinaus anwendbar ist. Der Antiochus-Prototyp war eine Erfüllung – aber nicht die letzte.

Die historische Erfüllung: 70 n. Chr.

Die unmittelbarste Erfüllung von Jesu Worten kam im Jahr 70 n. Chr. Römische Truppen unter Titus belagerten Jerusalem. Nach monatelangem Kampf wurde die Stadt erobert und der Tempel zerstört. Von dem prächtigen Heiligtum blieb, wie Jesus angekündigt hatte, kein Stein auf dem anderen.

Was genau der „Greuel der Verwüstung“ in diesem Kontext war, wird unterschiedlich bestimmt. Manche Ausleger verweisen auf die römischen Feldzeichen, die während der Belagerung im Tempelbereich aufgestellt wurden – Symbole mit Kaiserbildern, die für Juden götzendienerisch waren. Andere denken an zelotische Gewalttaten im Tempel vor der Zerstörung. Wieder andere sehen den Greuel in der Zerstörung selbst.

Was historisch belegt ist: Die jüdischen Christen in Jerusalem folgten Jesu Warnung und flohen vor der Belagerung nach Pella, einer Stadt östlich des Jordan. Sie erkannten das Zeichen und handelten entsprechend. Die Warnung Jesu rettete Leben.

Josephus: Der Zusammenbruch von innen

Der jüdische Historiker Flavius Josephus, der die Ereignisse von 70 n. Chr. als Augenzeuge beschrieb, liefert ein Bild, das für die Deutung des „Greuels“ aufschlussreich ist. Josephus beschreibt nicht zuerst den Feind vor den Toren, sondern den Zerfall im Innern. Rom ist bei ihm das letzte Messer – doch die Klinge, so seine Darstellung, wurde vorher geschärft, mitten im Heiligtum.

Josephus trennt „Volk“ und „Aufständische“ so konsequent, dass beim Lesen spürbar wird: Hier soll nicht nur berichtet, hier soll gerichtet werden. Die Radikalen, vor allem die Zeloten, erscheinen als Tyrannen, die den Begriff „Freiheit“ wie eine Fahne vor sich hertragen, während sie das Volk in Knechtschaft pressen. Was nach Erlösung klingt, wird zur Maske – und hinter der Maske, so Josephus, wächst Gesetzlosigkeit.

Jerusalem erscheint in seiner Darstellung nicht als belagerte Stadt, sondern als Stadt im Bürgerkrieg. Drei Gruppen, ein heiliger Ort – und der Kampf frisst sich bis in den Tempel hinein. „Zwist, Hunger und Krieg“ – diese Worte sind bei Josephus nicht nur Beschreibung, sie geben den Takt der Katastrophe vor. Schließlich fällt sein Satz wie ein Urteil: Die Römer bezwangen den Bürgerkrieg, der stärker befestigt gewesen sei als die Mauern. Die eigentliche Tragödie lag, so seine Deutung, nicht im Durchbruch von außen, sondern im Zusammenbruch von innen.

Am härtesten wird Josephus dort, wo er vom Heiligtum spricht. Er beschreibt nicht bloß Kriegsschäden, sondern Entweihung: befleckte Füße, Blut, Leichen, Täter im heiligen Raum. Der Tempel wird zur „Tyrannenburg“, und der Ort, der Reinheit voraussetzt, wird zum Schauplatz der Unreinheit. So entsteht bei Josephus ein Bild, das dem entspricht, was die Schrift „Greuel im Heiligtum“ nennt: nicht nur ein fremdes Zeichen von außen, sondern eine innere Umkehrung – Gesetzlosigkeit, die sich in den heiligen Raum hineinfrisst, bis Heiligkeit nur noch als Hülle existiert.

Hier berührt sich, so die strukturorientierte Lesart, Josephus‘ Darstellung mit dem Blick Jesu. Als Jesus auf den Tempel schaut, sieht er, so legt der Evangelientext nahe, nicht nur Architektur. Er sieht den Endpunkt einer Entwicklung. Darum sagt er nicht: „Er wird beschädigt“, sondern: „Es wird kein Stein auf dem anderen bleiben“ (Matthäus 24,2). Das ist kein rhetorisches Übertreiben, sondern ein Urteilssatz. „Kein Stein“ bedeutet: kein Rest Sicherheit, keine heilige Kulisse, hinter der man sich verstecken kann. Wo der heilige Ort zur Festung der Gewalt wird, bleibt am Ende nur ein radikaler Abbruch.

Die römische Praxis lieferte dann das Bild, das Jesu Satz erschreckend wörtlich machte. Beim Brand erhitzte sich alles – Holz, Kalk, Metall – und das Gold begann zu fließen. Es sammelte sich in Spalten, in Fugen, in Ritzen zwischen den Quadern. Sobald der Brand abgeklungen war, wurde das, was eben noch Zierde gewesen war, zum Köder: Soldaten brachen die Steine auseinander, rissen sie aus dem Verband, hebelten sie aus den Mauern bis hinunter zu den Grundsteinen – nicht aus ideologischem Hass, sondern weil geschmolzenes Gold sich seinen Weg gesucht hatte. Stein um Stein wurde getrennt, weil das Feuer nicht nur zerstörte, sondern das Innere sichtbar machte. Das Verborgene – das Gold – lag plötzlich nicht mehr oben in Kronen und Verzierungen, sondern unten im Spalt. Der Tempel wurde nicht nur niedergebrannt, sondern auseinandergerissen.

In diesem Moment bündeln sich drei Linien zu einer einzigen. Bei Josephus heißt die erste Linie Gesetzlosigkeit: eine Herrschaft, die Gottes Ordnung bricht und dabei behauptet, für Gott zu kämpfen. Die zweite Linie heißt Entweihung: der heilige Ort wird nicht mehr als heiliger Ort behandelt, sondern als Bühne, Schutzraum, Werkzeug. Die dritte Linie heißt Weggang: Gott verlässt, so der Text, was zum Speicher der Schlechtigkeit geworden ist. Jesu Satz steht wie ein Siegel über diesen Linien: Wenn das Herz krank ist, hilft keine Fassade. Wenn das Heiligtum innen fällt, wird es außen nicht stehen bleiben.

Der „Greuel im Heiligtum“ ist, so verstanden, nicht zuerst ein Rätselzeichen zum Spekulieren, sondern ein Muster zum Erkennen. Er zeigt sich, wenn ein heiliger Ort, ein heiliger Dienst oder eine heilige Sprache von innen her gekapert wird – bis die Gegenwart Gottes weicht und das Gericht nicht mehr aufzuhalten ist. Josephus erzählt das als Geschichte Jerusalems. Jesus spricht es als Urteil voraus. Und das Feuer, das Gold schmilzt und Steine sprengt, macht sichtbar, wie buchstäblich ein geistliches Gesetz werden kann.

Das Muster wiederholt sich

Die Zerstörung von 70 n. Chr. zeigt, so die strukturorientierte Lesart, dass das Danielmuster sich wiederholt. Was unter Antiochus geschehen war – Entweihung, Verfolgung, Zerstörung – geschah erneut unter Rom, in gesteigerter Form.

Die Parallelen sind auffällig. Unter Antiochus wurde der Tempel entweiht, aber nicht zerstört; unter Rom wurde er völlig vernichtet. Unter Antiochus wurde das Volk verfolgt, aber es gab Wiederherstellung; unter Rom begann eine Diaspora, die fast zwei Jahrtausende dauerte. Die Eskalation ist unübersehbar.

Doch Jesus beschränkt seine Rede nicht auf die Ereignisse von 70 n. Chr. Die Struktur seiner Rede deutet auf weitere Dimensionen hin. Er spricht von „großer Trübsal, wie sie seit Anfang der Welt nicht gewesen ist“ (Matthäus 24,21). Er spricht von falschen Christussen und falschen Propheten. Er spricht von seiner eigenen Wiederkunft „wie der Blitz“ (24,27). Diese Elemente gehen über die historische Zerstörung hinaus.

Das Problem der Zeitebenen

Die Endzeitrede ist berühmt für ihre Schwierigkeit, die Zeitebenen auseinanderzuhalten. Jesus scheint nahtlos zwischen Ereignissen zu wechseln, die 70 n. Chr. geschahen, und solchen, die noch ausstehen. Die Jünger fragten nach zwei Dingen – wann wird der Tempel zerstört, und was ist das Zeichen des Endes? – und Jesus antwortet auf beides, ohne immer klar zu trennen.

Verschiedene Auslegungsschulen gehen unterschiedlich mit diesem Problem um. Die „präteristische“ Lesart sieht alles oder fast alles in 70 n. Chr. erfüllt. Die „futuristische“ Lesart schiebt den Großteil in die eschatologische Zukunft. Die „historistische“ Lesart verteilt die Erfüllungen über die Kirchengeschichte.

Die strukturorientierte Lesart, der dieses Buch folgt, sieht in dieser Ambiguität kein Problem, sondern ein Merkmal prophetischer Rede. Jesus spricht in Mustern, die sich mehrfach erfüllen können. Die Tempelzerstörung von 70 n. Chr. ist eine Erfüllung – real und vollständig auf ihrer Ebene. Zugleich weist das Muster auf weitere Erfüllungen hin, die das Gesagte eskalieren.

Die praktische Anweisung

Neben den prophetischen Ankündigungen enthält die Endzeitrede praktische Anweisungen. Jesus warnt vor falschen Christussen: „Wenn dann jemand zu euch sagt: Siehe, hier ist der Christus! oder: Hier! – so glaubt es nicht“ (Matthäus 24,23). Er warnt vor Verführung: „Seht zu, dass euch niemand verführe“ (24,4). Er mahnt zur Wachsamkeit: „Darum wacht; denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (24,42).

Diese Anweisungen setzen voraus, dass die Jünger das Muster kennen, aber nicht den genauen Zeitpunkt. Sie sollen die Zeichen erkennen – den Greuel, die Verfolgung, die falschen Propheten –, aber sie sollen nicht meinen, den Tag und die Stunde zu wissen. Wachsamkeit bedeutet: bereit sein, ohne zu spekulieren.

Der Greuel in unserer Zeit

Die Frage liegt nahe: Gibt es den „Greuel der Verwüstung“ auch in unserer Zeit? Die Antwort hängt davon ab, wie man das Muster versteht.

Wenn man den Greuel strikt auf den Jerusalemer Tempel bezieht, ist die Frage schwer zu beantworten, da dieser Tempel seit 70 n. Chr. nicht mehr existiert. Manche erwarten einen Wiederaufbau des Tempels und eine buchstäbliche Erfüllung des Musters.

Wenn man den Greuel weiter fasst – als das Eindringen von etwas Fremdem in den Raum, der Gott gehört –, eröffnen sich andere Perspektiven. Der „Tempel“ kann dann auch die Gemeinde meinen, den Bereich des Heiligen, den Ort der Anbetung. In diesem Sinn wäre jede Verzerrung des Evangeliums, jede Einführung fremder Maßstäbe in die Anbetung, jede Selbstvergöttlichung menschlicher Macht eine Form des „Greuels“.

Der Text selbst entscheidet nicht zwischen diesen Lesarten. Er gibt ein Muster vor und überlässt die Anwendung dem Leser. Was bleibt, ist die Warnung: Wacht. Lasst euch nicht verführen. Erkennt die Zeichen.

Die Hoffnung am Ende

Die Endzeitrede endet nicht mit dem Greuel. Sie endet mit der Wiederkunft Christi: „Und dann wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen…{“ und sie werden den Menschensohn kommen sehen auf den Wolken des Himmels mit großer Kraft und Herrlichkeit} (Matthäus 24,30).

Das ist das Ende des Musters. Nach dem Greuel kommt nicht das Nichts. Nach der Krise kommt nicht die endlose Dunkelheit. Es kommt der Menschensohn – dieselbe Gestalt, die Daniel in seiner Vision sah (Daniel 7,13–14). Was Daniel schaute, worauf Jesus hinweist, ist das Ende aller Eskalationen: Gott setzt sich durch.

Die Endzeitrede ist, so verstanden, keine Angstpredigt. Sie ist eine Vorbereitung auf das, was kommt – mit nüchterner Warnung und begründeter Hoffnung. Das Muster führt durch die Dunkelheit zum Licht. Vom Abend zum Morgen.

Übergang: Der Schleier fällt

Im nächsten Kapitel fragen wir nach dem eschatologischen Horizont: Was bedeutet es, wenn „der Schleier fällt“? Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Der Greuel ist nicht das Ende. Der Menschensohn kommt. So jedenfalls zeichnet es der Text.

Autor: Jochen Weerda
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung

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