Die elfte Stunde – wenn der Schleier dünn wird
Die bisherigen Kapitel haben vor allem eine Linie verfolgt. Gott hat, so zeigt es der Text, eine Uhr in die Geschichte gelegt – zuerst in der Schöpfung mit ihrem Siebener-Rhythmus, dann in den 70 Jahren Jeremias, dann in den 70 Jahrwochen Daniels mit ihrer besonderen Struktur von 7, 62 und einer letzten Woche. Wir haben gesehen, wie viel an dem kleinen hebräischen Wort shuv hängt – umkehren, zurückkehren, wiederherstellen. Wir haben Kyrus und Antiochus als Fixpunkte auf dieser Uhr wahrgenommen, die dreifache Heilsgeschichte betrachtet und begonnen, drei Blickrichtungen zu ahnen: Gottes Weg mit Israel, sein Weg mit der Gemeinde, sein Weg mit dem Einzelnen.
Bis hierher waren wir vor allem im Buch Daniel und in der Heilslinie Israels unterwegs. Nun, am Übergang zum dritten Akt dieses Buchs, kommen drei Bausteine hinzu, die das bisherige Fundament nicht ersetzen, sondern vertiefen und bestätigen.
Die Paulus-Apokalypse: Daniel im Neuen Testament
Der erste Baustein betrifft Paulus. In seinen Briefen an die Gemeinde in Thessalonich – dem ersten und dem zweiten – schreibt er in ungewöhnlich dichter Form über Endzeit, Wiederkunft und Verführung. Man könnte diese Passagen, ohne Übertreibung, die „Paulus-Apokalypse“ nennen: nicht im Sinne einer vollständigen Offenbarungsschrift, sondern im Sinne verdichteter endzeitlicher Aussagen, die auf kleinem Raum Grundlegendes sagen.
Im ersten Brief an die Thessalonicher beschreibt Paulus das Hinzu-Gerufenwerden zu Christus – jene Szene, die in der Tradition als „Entrückung“ bekannt geworden ist (1. Thessalonicher 4,16–17). Im selben Brief spricht er vom „Tag des Herrn“, der kommt „wie ein Dieb in der Nacht“ – und verbindet ihn mit dem Bild der Wehen, die eine schwangere Frau überfallen (1. Thessalonicher 5,2–3). Dieses Bild der Wehen ist nicht zufällig. Es findet sich bei den Propheten im Zusammenhang mit der Wiedergeburt Jerusalems und Israels – eine Verbindung, die leicht übersehen wird, wenn man die Briefe losgelöst vom alttestamentlichen Hintergrund liest.
Im zweiten Brief verschärft sich der Ton. Paulus spricht von einem „Abfall“ (apostasia), der dem Tag des Herrn vorausgehen muss, von einem „Menschen der Sünde“, der sich in den Tempel Gottes setzt, und von einem „Aufhalter“, der „jetzt noch zurückhält“ (2. Thessalonicher 2,3–7). Diese Passage wird uns im nächsten Kapitel ausführlich beschäftigen. Hier genügt eine Beobachtung.
Traditionell wurde apostasia fast ausschließlich als geistlicher Abfall gedeutet – als Abkehr vom christlichen Glauben. Das ist eine berechtigte Lesart, die durch den Kontext gestützt wird. Doch das griechische Wort trägt auch die Bedeutung von Abspaltung, Revolte, Loslösung. Wenn man die Israel-Linie ernst nimmt, die wir mit Daniel und den Propheten verfolgt haben, öffnet sich ein weiterer Deutungsraum: Paulus könnte auch eine politisch-geistliche Abspaltung innerhalb Israels meinen – ein erneutes Auseinanderbrechen in die alten Linien von Ephraim (Nord) und Juda (Süd), wie es die Propheten für die Endzeit an mehreren Stellen vorauszeichnen.
Diese Lesart ist weniger exotisch, als sie zunächst klingen mag. Die prophetische Tradition rechnet durchgehend mit einer Nord-Süd-Dualität, die bis in die Endzeit hineinreicht – und deren Überwindung als eines der großen Heilsziele gilt.
Hosea spricht in seinen ersten drei Kapiteln und dann erneut in den Kapiteln 5–6 und 11–14 von der Scheidung Ephraims. Gott nennt das Nordreich „Lo-Ammi“ – „nicht mein Volk“ (Hosea 1,9). Zugleich kündigt er eine spätere Wiedervereinigung an: „Die Söhne Judas und die Söhne Israels werden sich miteinander versammeln“ (Hosea 2,2). Dass es am Ende eine Vereinigung gibt, setzt, so die innere Logik des Textes, voraus, dass vorher getrennte Einheiten existieren.
Jeremia 3 beschreibt Israel (das Nordreich) und Juda als zwei Schwestern. Israel ist „abgefallen“ – und das hebräische Wort, das Jeremia hier verwendet, ist meshuvah, eine Ableitung von shuv, jenem Wort, das uns durch dieses Buch begleitet. Der Abfall ist, sprachlich betrachtet, eine verkehrte Umkehr – eine Bewegung weg von Gott statt zu ihm hin. In Jeremia 30–31 stehen dann die Verheißungen für „Israel und Juda“ gemeinsam, einschließlich des Neuen Bundes. Auch hier gilt: Das Endheil besteht in der erneuten Einheit zweier zuvor getrennter Entitäten.
Am deutlichsten wird die Linie in Hesekiel 37,15–28. Dort erhält der Prophet die Anweisung, zwei Hölzer zu nehmen: eines „für Juda und die Söhne Israels, seine Genossen“, das andere „für Josef, den Stab Ephraims, und das ganze Haus Israel, seine Genossen“. Gott fügt sie am Ende zu einem einzigen Holz zusammen: „Sie werden nicht mehr zwei Völker sein und sich nie mehr in zwei Königreiche teilen“ (Hesekiel 37,22). Der Kontext dieser Szene ist eindeutig eschatologisch – es folgt der davidische Hirte, der ewige Bund, Gottes Heiligtum in der Mitte seines Volkes. Die Nord-Süd-Dualität besteht, so der Text, bis kurz vor der Vollendung.
Wenn Paulus in 2. Thessalonicher 2,3 von der apostasia spricht, die dem Tag des Herrn vorausgeht, steht er, so diese Lesart, in genau dieser prophetischen Tradition. Die Abspaltung, die er meint, wäre dann nicht nur – oder nicht primär – ein geistlicher Glaubensabfall, sondern das erneute Auseinanderbrechen Israels in seine alten Teile: Ephraim und Juda, Nord und Süd. Der Text lässt, so die strukturorientierte Lesart, beide Deutungen zu. Vielleicht schließen sie einander nicht aus. Der geistliche Abfall und die politische Abspaltung könnten zwei Seiten derselben Medaille sein.
Was feststeht: Paulus denkt nicht unabhängig von Daniel und den Propheten. Er denkt im Echo der gesamten prophetischen Tradition und legt die Linien – Israel, Zerbruch, Widersacher, Wiedergeburt – im Neuen Testament neu an. Die Uhr, die Daniel beschreibt, tickt bei Paulus weiter. Und die Nord-Süd-Spannung, die Hosea, Jeremia und Hesekiel durchzieht, ist bei Paulus nicht vergessen – sie ist, so diese Lesart, der Hintergrund dessen, was er apostasia nennt.
Sacharja 11: Zwei Hirtenstäbe und dreißig Silberlinge
Ein zweiter Text fügt sich wie ein Schlüssel in die bisherige Betrachtung ein. Er stammt aus dem Alten Testament, aus dem Buch des Propheten Sacharja, und er ist weniger bekannt als Daniel 9, aber kaum weniger aufschlussreich.
In Sacharja 11 lässt Gott einen Hirten auftreten – ein Bild für sein eigenes Handeln, zugleich ein Schatten, der auf Christus vorausweist. Dieser Hirte trägt zwei Stäbe. Der erste heißt „Huld“ – oder, je nach Übersetzung, „Freundlichkeit“. Der zweite heißt „Einigkeit“ – oder „Verbindung“, „Bruderschaft“.
Was bedeuten diese Stäbe? Der Stab „Huld“ steht, so legt der Zusammenhang nahe, für Gottes gnädiges Handeln über die Grenzen Israels hinaus – für das, was man die Gnadenzeit unter den Nationen nennen könnte: die Epoche, in der Gott Menschen aus allen Völkern in Christus zu sich ruft. Der Stab „Einigkeit“ steht für die innere Zusammengehörigkeit des Volkes Israel – die Bruderschaft zwischen Juda und den übrigen Stämmen.
Dann geschieht in Sacharjas Vision etwas Dramatisches. Der Stab „Huld“ wird zerbrochen. Gott hebt, bildlich gesprochen, seinen Bund der Freundlichkeit gegenüber den Nationen auf. Die Zeit der Gnaden-Weite geht, so der Text, ihrem Ende entgegen. Danach wird der Stab „Einigkeit“ zerbrochen – „damit ich aufhöbe die Bruderschaft zwischen Juda und Israel“ (Sacharja 11,14). Israel zerbricht wieder in seine alten Teile.
Zwischen diesen beiden Brüchen steht ein Detail, das man kaum überlesen kann: „Und sie wogen meinen Lohn ab: dreißig Silberlinge“ (Sacharja 11,12). Dreißig Silberlinge sind im mosaischen Gesetz der Preis für einen getöteten Sklaven – der niedrigste Wert, den ein Menschenleben haben konnte. Matthäus nimmt genau diese Stelle auf und bezieht sie auf den Verrat des Judas: Der Messias, der wahre Hirte, wird von seinem eigenen Volk bewertet, als wäre er nicht mehr wert als ein toter Sklave.
Die Implikation, so legt der Text nahe, ist schmerzhaft. Dreißig Silberlinge sind der Minimalpreis. Sie stehen, so der prophetische Text, für die Geringschätzung dessen, der alles gegeben hat. Und Sacharja zeigt eine ernste Konsequenz: Wenn der Hirte so bewertet wird, zerbricht zuerst die Huld, dann die Einigkeit. Gott bleibt in seinem Wesen Liebe – aber er kann, so der Text, seine schützende Hand zurückziehen. Gemeinden sich selbst überlassen. Systeme zerbrechen lassen. Nicht aus Kleinlichkeit, sondern weil er den Minimalpreis, den sein Volk ihm zuweist, ernst nimmt.
Güte und Strenge: Wenn Liebe eine andere Gestalt annimmt
An dieser Stelle drängt sich eine Frage auf, die der Text nicht umgeht: Wird Gott lieblos, wenn sein Volk lieblos wird? Die biblische Antwort ist differenziert. „Gott ist Liebe“ (1. Johannes 4,8) – das ist keine Eigenschaft, die sich nach Umständen ändert. Aber die Form, in der diese Liebe sich zeigt, kann sich ändern. Paulus formuliert es in Römer 11,22 mit bemerkenswerter Schärfe: „So sieh nun die Güte und die Strenge Gottes: die Strenge gegen die, die gefallen sind, die Güte aber gegen dich, sofern du in der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden.“
Güte und Strenge – das sind nicht zwei verschiedene Götter. Es ist derselbe Gott, dessen Liebe verschiedene Gestalten annimmt. In Römer 1 beschreibt Paulus eine Dynamik, die er dreimal mit denselben Worten einleitet: „Gott hat sie dahingegeben“ (Römer 1,24.26.28). Das ist keine aktive Bestrafung. Es ist ein Sich-Zurückziehen, ein Loslassen in die Konsequenzen des eigenen Weges. Die Strenge Gottes zeigt sich, so der Text, nicht darin, dass er zuschlägt, sondern darin, dass er den Schutz entzieht.
Hesekiel 34 macht dasselbe Prinzip an den Hirten Israels sichtbar. Gott stellt sich gegen die Hirten, die seine Schafe ausbeuten: „Siehe, ich will an die Hirten, und will meine Schafe von ihren Händen fordern“ (Hesekiel 34,10). Seine Liebe zu den Schafen wird zur Strenge gegenüber den Leitern. Nicht weil er lieblos geworden wäre – sondern weil er seine Liebe, so der Text, nicht länger missbrauchen lässt.
In der Offenbarung findet sich dieselbe Logik in der Botschaft an die Gemeinde in Ephesus: „Du hast deine erste Liebe verlassen. Gedenke, wovon du gefallen bist, und tue Buße…\ Wenn nicht, so komme ich über dich und werde deinen Leuchter von seiner Stelle wegstoßen“ (Offenbarung 2,4–5). Das ist keine Drohung der Vernichtung. Es ist die Warnung, dass eine Gemeinde ihren Platz als Lichtträgerin verlieren kann, wenn sie ohne Liebe weitermacht. Der Leuchter wird nicht zerstört – er wird weggestoßen. Der Platz wird leer.
Sacharja 11 steht, so verstanden, in einer langen Reihe biblischer Texte, die dasselbe Muster zeigen: Huld – Geringschätzung – Rückzug der Huld – Strenge. Nicht als Racheakt, sondern als letzte Konsequenz einer Liebe, die ernst genommen werden will.
Gottes Uhr im Schleier: Warum vieles lange doppeldeutig bleibt
Der dritte Baustein ist weniger ein einzelner Text als ein Prinzip, das sich durch die gesamte prophetische Literatur zieht. Man könnte es so formulieren: Gott arbeitet mit Verhüllung und Mehrdeutigkeit. Er gibt Prophetien, die wirklich sind – aber nicht sofort vollständig verstanden werden.
Mehrere Stellen deuten dieses Prinzip an. In Daniel 12,9 heißt es: „Diese Worte sollen verschlossen und versiegelt bleiben bis zur Zeit des Endes.“ In Römer 11,25 schreibt Paulus: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, bis die Vollzahl der Nationen eingegangen ist.“ In 2. Korinther 3,14–16 spricht er davon, dass beim Lesen des Alten Testaments „ein Schleier liegt“, der in Christus weggenommen wird.
Was diese Stellen gemeinsam haben: Sie beschreiben eine göttliche Ökonomie der Offenbarung, in der nicht alles gleichzeitig sichtbar wird. Manches blieb über Jahrhunderte doppeldeutig. War der „Greuel der Verwüstung“ auf Rom oder auf Griechenland zu beziehen? Meint „Abfall“ nur geistliche Abkehr oder auch politischen Zerbruch? Sind die 7 und die 62 Wochen streng aufeinanderfolgend, oder kann Gott, wie der Text es andeutet, mit parallelen Zeitlinien arbeiten?
Wenn in diesem Buch von „Gottes Uhr im Schleier“ die Rede ist, meint das genau dies: Gott hat seine Uhr nie aus der Hand gegeben, aber er hat nicht jede Zeigerbewegung sofort erklärt. Er lässt Dinge erst in der richtigen Stunde klar werden. Das ist kein Mangel an Offenbarung. Es ist, so die hier vertretene Lesart, die Weisheit eines Gottes, der weiß, dass manche Wahrheit erst dann fruchtbar wird, wenn die Zeit für sie reif ist.
Zur „elften Stunde“ gehört deshalb die Beobachtung, dass manche Schleier dünner werden – nicht, weil die Ausleger unserer Zeit besonders genial wären, sondern weil Gott es in seiner Geschichte offenbar so will.
Drei Linien, neu gesehen
Mit diesen drei Bausteinen lassen sich die drei Linien, die wir seit den ersten Kapiteln verfolgen, noch einmal in neuer Tiefenschärfe betrachten.
Die erste Linie betrifft Israel. Sacharja 11 kündigt an, dass der Stab „Einigkeit“ zerbrochen wird – die Bruderschaft zwischen Juda und den übrigen Stämmen endet. Paulus spricht von einem „Abfall“, den man, wie gezeigt, auch als Abspaltung lesen kann. Daniel zeigt, dass Gottes Uhr mit Israel präzise läuft – auch durch Gericht hindurch. Wenn der Schleier fällt, wird erkennbar, so legt der Text nahe: Der Zerbruch Israels ist kein Beweis für das Ende des Bundes, sondern Teil einer schmerzhaften Heilung. Shuv heißt für Israel am Ende nicht nur: ins Land zurückzukehren. Es heißt: zum Messias zurückzukehren.
Die zweite Linie betrifft die Gemeinde. Der Stab „Huld“ steht, so diese Lesart, für die zweitausend Jahre Gnadenzeit unter den Nationen. Die dreißig Silberlinge erinnern daran, wie billig der Messias gehandelt werden kann – damals durch Judas, in jeder Epoche durch lau gewordene Gemeinden. Paulus warnt in Römer 11,22: „Sofern du in der Güte bleibst; sonst wirst auch du abgehauen werden.“ Die Gemeinde unter den Nationen hat sich, so ließe sich sagen, sehr daran gewöhnt, Mitte und Standard zu sein. Aber die Güte, in der sie steht, ist geliehen – nicht verdient. Wenn Hirten das Evangelium zur Ware machen, wenn Bühne wichtiger wird als Buße und Kontrolle wichtiger als Liebe, dann zeigt Sacharja 11, was geschieht: Gott entzieht seine Huld. Nicht weil er lieblos geworden wäre, sondern weil seine Liebe zu den Schafen ihn, so legt Hesekiel 34 nahe, gegenüber falschen Hirten streng werden lässt. Die Frage, die sich der Gemeinde in der elften Stunde stellt, ist daher nicht zuerst die Frage nach dem richtigen Endzeitmodell. Es ist die ältere, dringlichere Frage: Hat sie ihre erste Liebe verlassen? Ist Christus noch Schatz – oder nur noch Hintergrundmusik?
Die dritte Linie betrifft den Einzelnen. Wenn die Bibel von Jerusalem, Tempel, Hirten und Stäben spricht, dann spricht sie, so die Tradition der geistlichen Auslegung, immer auch in Bildern, die das einzelne Herz betreffen. Zerrissene Loyalitäten, Bereiche, die Gott gehören sollten und sich entziehen, Zeiten der Trockenheit und inneren Distanz – all das kennt der Leser dieser Texte nicht nur aus der Geschichte, sondern aus der eigenen Erfahrung. Und mittendrin steht dieselbe Einladung wie in Daniel 9, wie in Sacharja 11, wie bei Jesus: shuv – kehre zurück. Lass dich wiederherstellen. Lass zu, dass Gott zeigt, wo der Minimalpreis von dreißig Silberlingen bezahlt wurde – und komm neu zu ihm als dem Herrn, nicht nur als Konzept.
Die dreifache Frage: Jesus und Petrus
In Johannes 21 findet sich eine Szene, die wie eine Verdichtung all dessen wirkt, was wir in diesem Kapitel betrachtet haben. Jesus stellt Petrus dreimal dieselbe Frage: „Liebst du mich?“ Nicht: Hast du alles verstanden? Nicht: Bist du stark genug? Nicht: Wirst du nie wieder versagen? Sondern: Liebst du mich?
Petrus ist der Mann, der Jesus dreimal verleugnet hat. Er ist innerlich zerbrochen. Der Schleier über seinem eigenen Herzen – die Selbsttäuschung, er würde niemals wanken – ist ihm heruntergerissen worden. Und Jesus stellt keine dogmatische Prüfung, sondern eine Liebesfrage. Dreimal, wie die drei Verleugnungen. Nicht linear, sondern kreisend, vertiefend, prüfend.
Übertragen auf die drei Linien, die wir verfolgen, wird diese Szene zum Spiegel. In Israel fragt Gott, so lesen es die Propheten: Wollt ihr mich als euren Hirten? In der Gemeinde fragt er: Wollt ihr meine Schafe lieben – um meinetwillen? Und im Herzen des Einzelnen fragt Jesus: Liebst du mich – mehr als deine Sicherheit, mehr als dein System?
Die Uhr Gottes läuft nicht auf der Skala des Wissens. Sie läuft, so legt der Text nahe, auf der Skala des Vertrauens und der Liebe.
Das Muster in vier Schritten
Über alle drei Linien hinweg zeigt sich, so die strukturorientierte Lesart, ein wiederkehrendes Muster in vier Schritten: Huld – Einigkeit – Bruch – Neuer Anfang.
Für Israel: Gottes Treue trotz Untreue, die wiederhergestellte Einheit im Land, der Abfall und Zerbruch – und am Ende die Wiedergeburt Jerusalems und die Rückkehr zum Messias.
Für die Gemeinde: zweitausend Jahre Gnadenzeit unter den Nationen, eine weltweite, wenn auch zerbrochene Kirche, der Abfall der Hirten und das Gericht am Haus Gottes – und am Ende die Reinigung, der kleine treue Rest, die Braut.
Für den Einzelnen: wie Gott geführt hat, Zeiten klarer Liebe und Klarheit, Krisen und Enttäuschungen, der Schleier über dem eigenen Herzen – und am Ende eine tiefere, ehrlichere, gereifte Beziehung zu Jesus.
Auf allen drei Ebenen gilt, so der Text: Gott wird nicht lieblos. Aber er lässt nicht zu, dass seine Liebe billig gemacht wird. Wo Huld mit Füßen getreten wird, nimmt seine Liebe die Gestalt der Strenge an – damit am Ende wirkliche Liebe übrig bleibt.
Nicht zum Fürchten, sondern zum Erwachen
Die elfte Stunde ist eine ernste Stunde. Israel steht, so zeichnen es die Texte, vor einem erneuten Zerbrechen. Die Gemeinde steht vor der Frage, ob der Stab „Huld“ noch hält. Der Einzelne steht vor Entscheidungen, die Weichen stellen.
Aber die elfte Stunde ist, so der Text, nicht nur dunkel. Sie ist vor allem dies: die Stunde kurz vor dem Morgen. Wenn Gottes Schleier dünner wird, dann nicht, um zu verwirren, sondern um zu wecken. Israel – zur Erkenntnis des Messias. Die Gemeinde – zur ersten Liebe. Den Einzelnen – zur persönlichen Umkehr und Vertiefung.
Das Muster, das wir seit dem ersten Kapitel verfolgen, bestätigt sich: Vom Abend zum Morgen. Von der Finsternis zum Licht. Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Die elfte Stunde ist nicht das Ende. Sie ist die letzte Verdichtung vor dem, was kommt.
Übergang: Der Mensch der Gesetzlosigkeit
Mit diesem Kapitel haben wir drei Bausteine eingeführt, die das Danielmuster erweitern: die Paulus-Apokalypse als neutestamentliches Echo, Sacharja 11 als prophetische Tiefenschicht und das Prinzip des Schleiers als hermeneutischen Schlüssel.
Im nächsten Kapitel wenden wir uns einer der rätselhaftesten Gestalten des Neuen Testaments zu – dem „Menschen der Gesetzlosigkeit“, den Paulus in 2. Thessalonicher 2 beschreibt. Wir fragen: Wie verbindet sich diese Gestalt mit dem Danielmuster? Und was lässt sich über sie sagen, ohne in Spekulation zu verfallen?
Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Die elfte Stunde ist angebrochen. Der Morgen naht. So jedenfalls zeichnet es der Text.
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung
© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.