Unter dem Wort bleiben – wenn Deutung zur Versuchung wird
Es beginnt selten mit Trotz. Es beginnt mit Eifer. Mit dem Wunsch, Ordnung in das Unübersichtliche zu bringen. Mit einem Marker in der Hand und dem Gefühl: Wenn ich es nur gut genug erkläre, wird es für alle klar.
Und genau dort, in dieser scheinbar edlen Absicht, liegt eine alte Gefahr. Nicht laut. Nicht grell. Sondern wie eine Kursabweichung auf offener See: ein Grad, den man nicht merkt – bis das Ziel nicht mehr stimmt.
Die Schrift lädt uns nicht zuerst zum Beherrschen ein, sondern zum Hören. Nicht zum Überfliegen, sondern zum Unterstellen. Nicht dazu, über dem Text zu stehen, sondern darunter. Denn der erste Riss in der Beziehung zu Gott kam nicht durch offene Rebellion, sondern durch eine Verschiebung: „Sollte Gott gesagt haben …?“ Ein Satz, der die Stimme Gottes nicht frontal leugnet, sondern leise umlagert.
Es gibt eine zweite Versuchung, noch subtiler: Das Werkzeug wird zum Richter. Zahlen, Zeitachsen, Systeme – sie können helfen. Sie können aber auch führen. Und irgendwann merkt man, dass nicht mehr der Text das Werkzeug prüft, sondern das Werkzeug den Text. Dann entsteht eine Art religiöse Technik: Man „bekommt“ Ergebnisse, auch wenn der Text nicht mitgeht. Der Preis ist hoch. Denn wo die Schrift nicht mehr korrigieren darf, da wird sie benutzt.
Die entscheidende Linie verläuft daher nicht zwischen Auslegung und keiner Auslegung. Sie verläuft anders: Bleibe ich hörend – oder werde ich herrschend? Dient meine Erklärung dem Text – oder dient der Text meiner Erklärung?
Jesus macht diese Linie sichtbar. Er ehrt die Schrift so radikal, dass er nicht über sie hinweggeht, nicht einmal im Namen großer Ziele. Und er warnt vor Traditionen, die Gottes Wort „ungültig“ machen – nicht indem sie es verbieten, sondern indem sie es überdecken. Man kann Gottes Wort zitieren und es dennoch verlieren, wenn eine zweite Autorität darüberliegt.
Wer einmal erlebt hat, wie schnell das geht, wird vorsichtig. Es ist nicht immer Unmoral, die uns wegzieht. Oft ist es Überheblichkeit. Oft ist es das Bedürfnis, die Spannung zu schließen, bevor Gott sie schließt. Oft ist es der Drang, die Dinge zu besitzen, statt sie zu empfangen.
Darum ist die entscheidende Frage nicht, ob wir viel wissen. Die Frage ist, ob wir noch hörend bleiben. Ob unsere Erkenntnis uns knien lässt – oder ob sie uns erhöht.
In den kommenden Seiten geht es um Israel, Gemeinde und den Einzelnen. Um Geschichte und Gegenwart. Um Gericht und Gnade. Aber vor allem geht es um eine Haltung: dass wir die Schrift nicht benutzen, sondern uns von ihr benutzen lassen. Dass wir nicht mit Deutungen herrschen, sondern uns vom Wort richten, trösten, korrigieren und führen lassen.
Denn wer unter dem Wort bleibt, wird nicht ärmer. Er wird sicherer. Und wer das Wort über sich behält, verliert nicht Freiheit – er findet Heimat.
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung
© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.