Wenn der Schleier fällt
Wir nähern uns dem Ende unserer Reise. Die bisherigen Kapitel haben uns von der Schöpfungsuhr über das Exil, die 70 Jahrwochen, den Prototyp Antiochus, die dreifache Heilsgeschichte, den Menschen der Gesetzlosigkeit und die Endzeitrede Jesu geführt. Nun wenden wir uns dem letzten Buch der Bibel zu – der Offenbarung des Johannes – und fragen: Wie endet das Muster? Was geschieht, wenn der Schleier fällt?
Die Offenbarung: Ein anderes Buch
Die Offenbarung des Johannes unterscheidet sich von allen anderen biblischen Büchern. Sie ist voller Bilder, Symbole, Visionen – sieben Siegel, sieben Posaunen, sieben Schalen, Tiere aus dem Meer und aus der Erde, eine Hure auf einem scharlachfarbenen Tier, ein neues Jerusalem, das vom Himmel herabkommt.
Diese Bilderfülle hat dazu geführt, dass die Offenbarung unterschiedlich gelesen wird. Manche sehen in ihr eine verschlüsselte Beschreibung der damaligen römischen Verfolgung. Andere lesen sie als Fahrplan für die Endzeit. Wieder andere verstehen sie primär symbolisch, als zeitlose Darstellung des Kampfes zwischen Gut und Böse.
Die strukturorientierte Lesart, der dieses Buch folgt, sieht in der Offenbarung die Vollendung der Muster, die wir in Daniel, bei Paulus und in der Endzeitrede Jesu gefunden haben. Die Bilder sind nicht willkürlich – sie greifen ältere Texte auf und führen sie zu ihrem Höhepunkt.
Das Tier und der Greuel
In Offenbarung 13 erscheint ein „Tier aus dem Meer“ – eine Gestalt, die Macht von dem Drachen (Satan) empfängt und „Lästerungen“ gegen Gott ausspricht. Dieses Tier trägt Züge, die an Daniel erinnern: Es hat sieben Köpfe und zehn Hörner, es verfolgt die Heiligen, es verlangt Anbetung.
Das Tier ist, so viele Ausleger, die eschatologische Vollform dessen, was im Danielmuster als „Greuel“ erscheint. Was in Antiochus begann, was in Rom eskalierte, erreicht hier seine höchste Intensität. Eine Weltmacht, die göttliche Verehrung beansprucht, die Treuen verfolgt und den Bereich des Heiligen besetzt.
Die Parallelen zu Paulus‘ „Mensch der Gesetzlosigkeit“ sind offensichtlich. Beide Texte beschreiben eine Gestalt, die sich gegen Gott erhebt und Anbetung fordert. Beide Texte deuten auf eine eschatologische Zuspitzung hin. Die Offenbarung malt das Bild aus, das Paulus andeutet.
Der Fall Babylons
Ein zentrales Thema der Offenbarung ist der Fall Babylons – einer Stadt, die als „Hure“ beschrieben wird und mit dem „Tier“ verbündet ist. „Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große!“ ruft ein Engel in Offenbarung 18,2.
Babylon steht in der biblischen Tradition für menschliche Macht, die sich gegen Gott erhebt. Es ist die Stadt des Turmbaus, die Stadt des Exils, die Stadt der Hybris. In der Offenbarung wird Babylon zum Symbol für jede Macht, die Gottes Stelle einnehmen will – sei es Rom, sei es eine andere historische Macht, sei es eine noch kommende.
Der Fall Babylons ist, so der Text, unvermeidlich. Die Macht, die sich groß macht, wird gestürzt. Die Hure, die auf dem Tier reitet, wird von demselben Tier zerrissen. Das Böse zerstört sich selbst. Diese Logik durchzieht das gesamte biblische Muster: Was sich gegen Gott erhebt, trägt den Keim seines eigenen Untergangs in sich.
Das Gericht
Die Offenbarung beschreibt das Ende als Gericht. In Kapitel 20 erscheint ein „großer weißer Thron“ – vor ihm stehen die Toten, „Große und Kleine“. Die Bücher werden aufgetan, und die Toten werden gerichtet „nach ihren Werken“.
Dieses Gericht ist das Ende aller Eskalationen. Hier wird abgerechnet, was in der Geschichte geschehen ist. Die Täter des Bösen – das Tier, der falsche Prophet, der Drache selbst – werden in den „Feuersee“ geworfen. Die Geschichte endet nicht im Chaos, sondern im Gericht. Gott setzt sich durch, und zwar endgültig.
Für manche Leser ist das Gericht eine bedrohliche Vorstellung. Für den biblischen Text ist es Hoffnung. Dass Gott richtet, bedeutet: Das Böse hat nicht das letzte Wort. Die Opfer werden gerechtfertigt. Die Täter werden zur Rechenschaft gezogen. Die Welt ist nicht gleichgültig.
Das Neue Jerusalem
Und dann: das Neue Jerusalem. In Offenbarung 21–22 beschreibt Johannes eine Vision, die das genaue Gegenteil des Greuels ist. Statt Entweihung: Heiligkeit. Statt Zerstörung: Neuschöpfung. Statt Fremdherrschaft: Gottes unmittelbare Gegenwart.
„Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde…\ Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, aus dem Himmel von Gott herabkommen, bereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut“ (21,1–2).
Diese Stadt ist, so der Text, das Ziel der ganzen Geschichte. Was in Eden begann – Gott bei den Menschen –, was im Tempel symbolisiert war – Gottes Wohnung in der Mitte seines Volkes –, findet hier seine Vollendung. „Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und Gott selbst wird bei ihnen sein, ihr Gott“ (21,3).
Der Tempel, der fehlt
Ein Detail ist bemerkenswert: Im Neuen Jerusalem gibt es keinen Tempel. „Einen Tempel sah ich nicht in ihr; denn der Herr, Gott, der Allmächtige, ist ihr Tempel, und das Lamm“ (21,22).
Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, wie zentral der Tempel in der ganzen bisherigen Geschichte war. Der Greuel der Verwüstung war eine Entweihung des Tempels. Daniels Prophezeiung kreist um den Tempel. Die Zerstörungen von 586 v. Chr. und 70 n. Chr. waren Tempelzerstörungen.
Doch am Ende braucht es keinen Tempel mehr, weil Gott selbst unmittelbar gegenwärtig ist. Der Tempel war ein Zeichen für Gottes Nähe in einer Welt der Entfernung. Im Neuen Jerusalem ist die Entfernung aufgehoben. Das Zeichen wird überflüssig, weil die Wirklichkeit da ist.
Das Wasser des Lebens
Die Vision endet mit einem Strom: „Und er zeigte mir einen Strom von Wasser des Lebens, glänzend wie Kristall, der ausging vom Thron Gottes und des Lammes“ (22,1). An seinen Ufern wachsen Bäume des Lebens, die „zwölfmal Frucht bringen“ und deren Blätter „zur Heilung der Völker“ dienen.
Dieses Bild greift zurück auf Eden, wo ein Strom den Garten bewässerte und der Baum des Lebens stand. Es greift zurück auf Hesekiel 47, wo ein Strom aus dem Tempel fließt und das tote Wasser des Toten Meeres heilt. Was am Anfang war, was in der Mitte der Geschichte als Vision erschien, wird am Ende Wirklichkeit.
Die Geschichte ist, so der Text, kein Kreis, der zu seinem Ausgangspunkt zurückkehrt. Sie ist ein Bogen, der aufsteigt. Das Ende ist nicht wie der Anfang – es ist mehr. Eden war ein Garten; das Neue Jerusalem ist eine Stadt. Eden war ein Anfang; das Neue Jerusalem ist Vollendung.
Harmagedon: Wenn die Uhr auf Null steht
Bevor das Neue Jerusalem kommt, beschreibt die Offenbarung eine letzte Zuspitzung. Die Könige der Erde werden „an den Ort versammelt, der auf Hebräisch Harmagedon heißt“ (Offenbarung 16,16). In Offenbarung 19 erscheint Christus als Reiter auf dem weißen Pferd – das Tier, der falsche Prophet und ihre Heere werden gerichtet.
Im Hintergrund dieser Szene stehen ältere prophetische Texte. Sacharja 12–14 beschreibt, wie alle Völker gegen Jerusalem ziehen, wie der Herr eingreift, sein Volk rettet und die Feinde richtet. Joel 3 (in manchen Zählungen Joel 4) nennt das Tal Joschafat als Ort der Entscheidung. Die Offenbarung führt diese Linien zusammen und verdichtet sie zu einem einzigen Bild: dem Kulminationspunkt aller antichristlichen Kräfte – politisch, religiös, militärisch – und dem sichtbaren Eingreifen Jesu.
Harmagedon ist, so der Text, nicht der Triumph des Chaos. Es ist der Moment, in dem sichtbar wird, was die verborgene Uhr die ganze Zeit angezeigt hat: Der, der richtet, ist derselbe, der rettet. Die Geschichte endet nicht in der Katastrophe, sondern im Gericht – und das Gericht ist, wie wir gesehen haben, Hoffnung.
Die Braut: Das letzte Wort über die Gemeinde
Ein Bild der Offenbarung verdient besondere Aufmerksamkeit, weil es das Gegenstück zum Greuel ist. Die Gemeinde erscheint am Ende nicht als Institution, nicht als Marke, nicht als kirchliches System. Sie erscheint als „Braut, geschmückt für ihren Mann“ (Offenbarung 21,2). Und am Ende des Buches erklingt der Ruf: „Der Geist und die Braut sprechen: Komm!“ (Offenbarung 22,17).
Der Weg zu diesem Bild ist, so der Text, nicht romantisch, sondern reinigend. Durch Verfolgung, durch Klärung, durch die schmerzhafte Trennung von Schein und Sein wird die Gemeinde zu dem, was sie sein soll. Das letzte Wort über sie ist nicht Verfall, nicht Spaltung, nicht Irrlehre. Das letzte Wort ist: Braut. Eine Gemeinschaft, die auf den wartet, der kommt – und die ihn ruft.
Das Muster vollendet
Was bedeutet das für das Muster, das wir durch dieses Buch verfolgt haben? Es bedeutet: Das Muster hat ein Ende. Die Eskalationen führen nicht ins Unendliche. Der Greuel wiederholt sich – Antiochus, Rom, der Mensch der Gesetzlosigkeit –, aber er wiederholt sich nicht ewig.
Am Ende des Musters steht nicht ein weiterer Greuel, sondern das Gegenteil: die vollständige, endgültige Reinigung. Nicht ein weiterer Tempel, der wieder entweiht werden kann, sondern Gottes unmittelbare Gegenwart, die keine Entweihung mehr kennt. Nicht eine weitere Entweihung der Braut, sondern ihre Vollendung.
Das ist die Hoffnung, die der Text vermittelt. Die Dunkelheit ist real. Der Greuel ist schrecklich. Die Verfolgung ist schmerzhaft. Aber sie sind nicht das letzte Wort. Der Schleier fällt, und dahinter ist nicht das Nichts – dahinter ist das Neue Jerusalem, die Braut, das Wasser des Lebens.
Übergang: Zwei Uhren
Mit diesem Kapitel haben wir den eschatologischen Horizont betrachtet. Wir haben gesehen, wie die Offenbarung das Danielmuster vollendet: das Tier als letzte Eskalation des Greuels, Babylon als Fall der gottwidrigen Macht, das Gericht als Ende aller Eskalationen, das Neue Jerusalem als Vollendung der Geschichte.
Im nächsten Kapitel werfen wir einen Blick auf eine ganz andere Uhr – eine, die nicht aus der Schrift stammt, sondern aus der Mathematik. Der Informatiker Jürgen Schmidhuber hat eine Konvergenztheorie formuliert, die das Jahr 2042 als Knotenpunkt exponentieller Beschleunigung markiert. Wir fragen: Wie verhält sich eine solche menschliche Zeitrechnung zur verborgenen Uhr Gottes?
Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Der Schleier fällt. Dahinter ist das Licht. So jedenfalls zeichnet es der Text.
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung
© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.