Kapitel 11: Der Mensch der Gesetzlosigkeit

Das vorige Kapitel hat die Paulus-Apokalypse, Sacharja 11 und das Prinzip des Schleiers als neue Bausteine eingeführt. Nun vertiefen wir einen dieser Bausteine und wenden uns einer der rätselhaftesten Gestalten des Neuen Testaments zu, die Paulus in seinem zweiten Brief an die Thessalonicher beschreibt: dem „Menschen der Gesetzlosigkeit“.

Dieses Kapitel fragt: Wie verbindet sich diese neutestamentliche Gestalt mit dem Danielmuster? Und was lässt sich über sie sagen, ohne in Spekulation zu verfallen?

Der Kontext: Verwirrung in Thessalonich

Die Gemeinde in Thessalonich war verunsichert. Offenbar kursierten Gerüchte, der „Tag des Herrn“ – die Wiederkunft Christi – sei bereits angebrochen. Manche Gläubige hatten aufgehört zu arbeiten, andere waren in Panik geraten. Paulus schreibt seinen Brief, um Ordnung in diese Verwirrung zu bringen.

In 2. Thessalonicher 2 erklärt er: Der Tag des Herrn kommt nicht, „es sei denn, dass zuerst der Abfall kommt und der Mensch der Gesetzlosigkeit offenbar wird“ (2,3). Vor dem Ende muss etwas geschehen – eine Eskalation, die bestimmte Zeichen trägt.

Paulus setzt hier voraus, dass seine Leser wissen, wovon er spricht. Er hatte ihnen offenbar mündlich mehr erzählt, als er in diesem Brief schreibt. Für uns bedeutet das: Der Text gibt Hinweise, aber keine vollständige Erklärung. Wir müssen mit einer gewissen Unschärfe leben.

Die Gestalt: Was der Text sagt

Paulus beschreibt den „Menschen der Gesetzlosigkeit“ (\griech{anthropos tēs anomias}) mit mehreren Merkmalen. Er ist „der Sohn des Verderbens“ – eine Formulierung, die im Johannesevangelium auch für Judas verwendet wird. Er „widersetzt sich und überhebt sich über alles, was Gott oder Gegenstand der Verehrung heißt“. Und vor allem: Er „setzt sich in den Tempel Gottes und gibt sich aus, dass er Gott sei“ (2,4).

Diese Beschreibung greift Motive aus Daniel auf. Daniel 11,36 spricht von einem König, der „sich über jeden Gott erheben und gegen den Gott der Götter Ungeheuerliches reden“ wird. Der „Greuel der Verwüstung“ war ein fremder Kult im Heiligtum. Die Gestalt, die Paulus beschreibt, eskaliert dieses Muster: Nicht ein Götzenbild steht im Tempel, sondern ein Mensch, der sich selbst als Gott ausgibt.

Das Muster eskaliert

Wenn wir das Danielmuster von Prototyp und Eskalation anwenden, zeigt sich eine Linie. Antiochus ließ einen Zeus-Altar im Tempel aufstellen – ein Götze an heiliger Stätte. Die römischen Feldzeichen mit ihren Kaiserbildern standen während der Belagerung im Tempelbereich – Symbole einer Macht, die göttliche Verehrung beanspruchte.

Der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ geht einen Schritt weiter. Er ist nicht ein Symbol, sondern eine Person. Er beansprucht nicht indirekte Verehrung, sondern direkte: Er gibt sich selbst als Gott aus. Das Muster eskaliert von der Entweihung durch ein Objekt zur Entweihung durch einen Menschen, der sich an Gottes Stelle setzt.

Diese Eskalation hat, so die strukturorientierte Lesart, innere Logik. Der fundamentale Konflikt, der sich im Danielmuster zeigt, ist der Konflikt zwischen dem lebendigen Gott und allem, was sich an seine Stelle setzen will. Dieser Konflikt spitzt sich zu, bis er in einer menschlichen Gestalt kulminiert, die den göttlichen Anspruch vollständig verkörpert.

Der Tempel: Welcher?

Die Frage, welcher „Tempel“ gemeint ist, beschäftigt Ausleger seit Jahrhunderten. Zur Zeit des Paulus stand der Jerusalemer Tempel noch. Man könnte also an einen buchstäblichen Tempel denken. Doch Paulus verwendet das Wort \griech{naos} – ein Begriff, der im Neuen Testament auch für die Gemeinde als geistlichen Tempel verwendet wird.

Die Auslegungen gehen auseinander. Manche verstehen den Tempel buchstäblich und erwarten einen wiederaufgebauten Tempel in Jerusalem, in dem sich diese Szene abspielt. Andere verstehen den Tempel symbolisch als die Gemeinde oder als den Bereich des Heiligen überhaupt. Wieder andere halten die Frage für unbeantwortbar mit den vorliegenden Informationen.

Der Text selbst lässt die Frage offen. Was klar ist: Der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ beansprucht einen Raum, der Gott gehört. Ob dieser Raum ein Gebäude, eine Gemeinschaft oder ein geistlicher Bereich ist, muss die Auslegung entscheiden – oder offenlassen.

Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit

Paulus fügt einen bemerkenswerten Zusatz hinzu: „Das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon wirksam“ (2,7). Das bedeutet: Die Kraft, die im „Menschen der Gesetzlosigkeit“ zur vollen Erscheinung kommt, wirkt bereits in der Gegenwart – verborgen, aber real.

Diese Beobachtung verändert das Bild. Es geht nicht nur um ein zukünftiges Ereignis, das eines Tages plötzlich eintritt. Es geht um eine Dynamik, die durch die Geschichte hindurch wirksam ist und auf ihren Höhepunkt zustrebt. Das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ arbeitet im Verborgenen, bis die Zeit kommt, da es offen hervortritt.

Diese Sichtweise passt zum Danielmuster. Auch dort ist die Feindschaft gegen Gott und sein Volk keine einmalige Sache. Sie zeigt sich in Antiochus, in Rom, und sie eskaliert. Die Kraft, die diese Ereignisse antreibt, ist, so legt der Text nahe, dieselbe – sie erscheint nur in verschiedenen historischen Verkleidungen.

Der Aufhalter

Noch geheimnisvoller ist das, was Paulus den „Aufhalter“ nennt. In 2,6–7 schreibt er: „Und jetzt wisst ihr, was zurückhält, damit er zu seiner Zeit offenbart wird. Denn das Geheimnis der Gesetzlosigkeit ist schon wirksam; nur muss der, welcher jetzt zurückhält, erst aus dem Weg sein.“

Wer oder was ist dieser „Aufhalter“? Paulus erklärt es nicht, weil seine Leser es offenbar wissen. Für uns bleibt ein Rätsel. Verschiedene Vorschläge wurden gemacht: das Römische Reich, der Heilige Geist, die Predigt des Evangeliums, ein Engelmacht, die politische Ordnung als solche. Keiner dieser Vorschläge lässt sich endgültig belegen.

Was der Text klar macht: Es gibt etwas, das die volle Offenbarung des „Menschen der Gesetzlosigkeit“ zurückhält. Dieses Etwas muss erst „aus dem Weg sein“, bevor die Eskalation ihren Höhepunkt erreicht. Die Gegenwart ist eine Zeit des Aufschubs, nicht weil Gott schwach wäre, sondern weil er Grenzen setzt – auch dem Bösen.

Das Ende der Gestalt

Paulus schließt mit einer klaren Aussage: Der Herr Jesus wird den „Menschen der Gesetzlosigkeit“ „durch den Hauch seines Mundes beseitigen und durch die Erscheinung seiner Ankunft zunichtemachen“ (2,8). Das Ende der Gestalt ist ihr Untergang.

Diese Aussage ist wichtig. Der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ ist mächtig, aber nicht allmächtig. Er beansprucht göttliche Würde, aber er ist kein Gott. Am Ende genügt der „Hauch“ des Mundes Christi, um ihn zu beseitigen. Die Asymmetrie ist gewollt: Was sich groß macht gegen Gott, erweist sich als nichtig vor ihm.

Das Muster von Daniel bestätigt sich: Nach dem Greuel kommt die Wiederherstellung. Nach der Krise kommt das Gericht. Nach der Nacht kommt der Morgen. Der „Mensch der Gesetzlosigkeit“ ist nicht das Ende der Geschichte, sondern die letzte Eskalation vor dem Ende aller Eskalationen.

Die Grenzen der Deutung

Bei all dem muss eine Warnung stehen: Der Text gibt uns kein Porträt, das wir auf historische Gestalten anwenden könnten, um „den Antichristen“ zu identifizieren. Die Geschichte der Christenheit ist voll von solchen Identifizierungen – Päpste, Kaiser, Diktatoren, und was sonst die jeweilige Zeit bewegte. Sie alle waren falsch.

Der Text beschreibt ein Muster, keine Person. Er gibt uns Kriterien, aber keine Namensliste. Er warnt uns vor einer Eskalation, aber er macht uns nicht zu Propheten, die wissen, wann und wie sie kommt.

Die angemessene Haltung ist Wachsamkeit ohne Spekulation. Wir kennen das Muster. Wir wissen, dass das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ wirksam ist. Wir vertrauen darauf, dass Christus am Ende siegt. Mehr müssen wir nicht wissen, um treu zu leben.

Im nächsten Kapitel wenden wir uns Jesu Endzeitrede zu – Matthäus 24 und Markus 13. Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Das Böse eskaliert, aber es triumphiert nicht. So jedenfalls zeichnet es der Text.

Autor: Jochen Weerda
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung

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