Kapitel 7: Antiochus – der historische Prototyp

Im Jahr 167 v. Chr. geschah etwas, das die jüdische Welt bis ins Mark erschütterte. Ein fremder Herrscher betrat den Tempel in Jerusalem – nicht um anzubeten, sondern um ihn zu entweihen. Was in diesem Jahr geschah, wurde zum Referenzereignis für alles, was der biblische Text unter „Greuel der Verwüstung“ versteht.

Dieses Kapitel zeichnet die Geschichte des Antiochus IV. Epiphanes nach, nicht um Sensationen zu bieten, sondern um das Muster zu verstehen, das sich hier erstmals in seiner vollen Schärfe zeigt.

Die Welt des Antiochus

Um Antiochus zu verstehen, müssen wir seine Welt verstehen. Er lebte in der Nachfolge Alexanders des Großen. Nach Alexanders Tod im Jahr 323 v. Chr. hatten seine Generäle das Riesenreich unter sich aufgeteilt. Aus diesem Erbe entstanden mehrere Nachfolgereiche, von denen zwei für unsere Geschichte wichtig sind: das Ptolemäerreich in Ägypten und das Seleukidenreich in Syrien.

Judäa lag geografisch genau zwischen diesen beiden Mächten – ein ewiger Zankapfel, der über Jahrhunderte hin und her wechselte. Zunächst herrschten die Ptolemäer über Jerusalem, dann übernahmen die Seleukiden die Kontrolle. Mit der politischen Herrschaft kam auch der kulturelle Druck: der Hellenismus.

Die hellenistische Kultur war mehr als griechische Sprache und griechische Kunst. Sie war ein umfassendes Weltbild – eine Lebensweise, die griechische Philosophie, griechischen Sport, griechische Religion und griechische Werte umfasste. Für viele im östlichen Mittelmeerraum war Hellenisierung gleichbedeutend mit Modernisierung. Doch für fromme Juden stellte sie eine fundamentale Bedrohung ihrer Identität dar.

Wer war Antiochus IV.?

Antiochus IV. Epiphanes regierte das Seleukidenreich von 175 bis 164 v. Chr. Er war nicht der rechtmäßige Thronfolger, sondern hatte sich die Macht durch Intrigen gesichert. Sein selbst gewählter Beiname „Epiphanes“ bedeutet „der Erscheinende“ oder „der als Gott Sichtbare“ – eine Anmaßung göttlicher Würde, die seine Zeitgenossen teils bewunderten, teils verspotteten. Seine Gegner nannten ihn „Epimanes“ – „der Verrückte“.

Antiochus war ein ehrgeiziger Herrscher mit großen Plänen. Er träumte davon, das alte Alexanderreich wiederherzustellen. Um sein zersplittertes Reich zusammenzuhalten, setzte er auf kulturelle Vereinheitlichung: Alle Völker sollten nach griechischer Art leben, griechische Götter verehren, griechische Sitten annehmen.

Was in anderen Provinzen funktionierte, sollte auch in Judäa durchgesetzt werden. Doch hier stieß Antiochus auf einen Widerstand, den er nicht erwartet hatte. Die Juden waren nicht bereit, ihre Identität aufzugeben.

Der Weg zur Krise

Die Krise entwickelte sich schrittweise. In der ersten Phase, von etwa 175 bis 171 v. Chr., griff Antiochus in das jüdische Hohepriestertum ein. Das höchste religiöse Amt wurde käuflich. Ein Mann namens Jason erkaufte sich die Position, indem er Antiochus hohe Summen zahlte und versprach, hellenistische Reformen einzuführen. Ein Gymnasium wurde in Jerusalem errichtet – eine Institution, in der man nackt Sport trieb und griechische Götter verehrte. Für fromme Juden war dies ein Skandal.

In der zweiten Phase, von 170 bis 168 v. Chr., eskalierte die politische Spannung. Antiochus führte Krieg gegen Ägypten, wurde jedoch von Rom gestoppt und gedemütigt. Als in Jerusalem Gerüchte über seinen Tod kursierten, brach ein Aufstand aus. Antiochus kehrte wütend zurück, ließ Tausende töten und plünderte den Tempel. Der Konflikt war nun offen.

In der dritten Phase, ab 167 v. Chr., begann die systematische religiöse Verfolgung. Antiochus erließ Dekrete, die das Judentum de facto verboten: Der Besitz der Tora wurde mit dem Tod bestraft, die Beschneidung wurde verboten, der Sabbat durfte nicht mehr gehalten werden. Wer an den jüdischen Gebräuchen festhielt, musste mit Folter und Hinrichtung rechnen.

Der Greuel im Tempel

Der Höhepunkt kam im Dezember 167 v. Chr. Am 15. Tag des Monats Kislew wurde im Jerusalemer Tempel ein Altar für Zeus Olympios errichtet. Zehn Tage später, am 25. Kislew, wurden auf diesem Altar unreine Opfer dargebracht – nach den Quellen handelte es sich um Schweineopfer, das für Juden unreinste Tier.

Der Altar, auf dem seit Jahrhunderten morgens und abends das „tamid“, das beständige Opfer, dargebracht worden war – der Altar, der die Verbindung zwischen Gott und seinem Volk symbolisierte –, war nun ein Götzenbild. Der Ort, wo Gottes Name wohnen sollte, war zum Tempel eines fremden Gottes geworden.

Daniel hatte dafür einen Begriff: shikkutz meshomem – „Greuel der Verwüstung“. Shikkutz bedeutet „etwas Abscheuliches“, meshomem bedeutet „das Entsetzen verursacht“. Der Begriff beschreibt, so der Text, nicht nur eine theologische Kategorie, sondern eine traumatische Realität für eine Generation von Juden, die miterleben musste, wie ihr Heiligtum geschändet wurde.

Der Makkabäeraufstand

Doch die Geschichte endet nicht mit der Entweihung. In einem Dorf namens Modein, nordwestlich von Jerusalem, weigerte sich ein Priester namens Mattatias, ein heidnisches Opfer darzubringen. Als ein anderer Jude sich dazu bereit erklärte, tötete Mattatias ihn und den königlichen Beamten. Sein Ruf: „Wer für den HERRN ist, der folge mir!“ Der Aufstand begann.

Mattatias‘ Sohn Judas übernahm die Führung. Sein Beiname „Makkabäus“ – möglicherweise „der Hammer“ – wurde zum Symbol des Widerstands. Mit Guerillataktiken besiegten die Aufständischen überlegene seleukidische Armeen. Stadt für Stadt, Dorf für Dorf wurde befreit.

Im Jahr 164 v. Chr., genau drei Jahre nach der Entweihung, wurde Jerusalem zurückerobert. Der Tempel wurde gereinigt, der Zeus-Altar entfernt, ein neuer Altar geweiht. Am 25. Kislew – demselben Datum, an dem drei Jahre zuvor die Entweihung begonnen hatte – wurde das erste reine Opfer dargebracht.

Dieses Ereignis wird bis heute als Chanukka gefeiert, das „Weihfest“ oder „Lichterfest“. Der achtarmige Chanukka-Leuchter erinnert an die Wiedereinweihung des Tempels.

Das Muster: Greuel, Widerstand, Reinigung

Was in der Zeit des Antiochus geschah, zeigt ein Muster, das der Text als paradigmatisch behandelt. Erst kommt der Greuel – etwas Fremdes steht an dem Ort, der Gott gehört. Dann kommt der Widerstand – ein Rest bleibt treu und kämpft. Schließlich kommt die Reinigung – das Heiligtum wird wiederhergestellt.

Dieses Muster erschöpft sich nicht in einem einzigen historischen Ereignis. Es wiederholt sich, wie wir sehen werden, in späteren Kontexten. Doch Antiochus ist der erste, der das Muster in seiner vollen Schärfe zeigt. Er gilt in dieser Lesart als der Prototyp – das Referenzereignis, an dem spätere Generationen messen können, was „Greuel der Verwüstung“ bedeutet.

Daniel 8 und 11: Die prophetische Skizze

Die Ereignisse unter Antiochus werden in Daniel 8 und 11 mit bemerkenswerter Detailgenauigkeit beschrieben. Daniel 8 zeigt eine Tiervision: Ein Widder mit zwei Hörnern – das medisch-persische Reich – wird von einem Ziegenbock mit einem großen Horn besiegt – Griechenland unter Alexander. Das große Horn bricht ab, und aus einem der vier nachfolgenden Hörner wächst ein „kleines Horn“, das gegen Süden, gegen Osten und gegen das „herrliche Land“ wächst.

Daniel 11 ist noch expliziter. Der Text beschreibt die Auseinandersetzungen zwischen dem „König des Nordens“ und dem „König des Südens“ – eine klare Anspielung auf die Seleukiden und Ptolemäer. Dann tritt ein „verächtlicher König“ auf, der nicht durch rechtmäßige Thronfolge, sondern durch Intrigen zur Macht kommt. Er bricht Bündnisse, täuscht mit Friedensworten und richtet sich schließlich gegen den „heiligen Bund“.

Die Beschreibungen sind so genau, dass manche Kritiker argumentiert haben, der Text müsse nach den Ereignissen geschrieben worden sein. Für die gläubige Lesart zeigt die Genauigkeit vielmehr die Realität prophetischer Vorausschau.

Warum dieser Prototyp wichtig ist

Die Geschichte des Antiochus ist nicht nur historische Information. Sie ist, so die strukturorientierte Lesart, ein Lehrstück – ein Typus, der zeigt, wie das Muster funktioniert.

Wenn Jesus Jahrhunderte später in seiner Endzeitrede vom „Greuel der Verwüstung, von dem durch den Propheten Daniel geredet wurde“ spricht (Matthäus 24,15), greift er bewusst auf dieses Ereignis zurück. Er verwendet Antiochus als Referenzpunkt, um seine Jünger auf kommende Krisen vorzubereiten.

Das bedeutet: Antiochus ist keine abgeschlossene Geschichte. Er ist ein Prototyp, der auf Späteres vorausweist. Das Muster wiederholt sich – in der Zerstörung Jerusalems durch Rom im Jahr 70 n. Chr., und möglicherweise, so manche Ausleger, in eschatologischen Ereignissen, die noch ausstehen.

Gottes Handeln im Prototyp

Was zeigt uns der Prototyp über Gottes Handeln? Mehrere Beobachtungen lassen sich festhalten.

Gott lässt die Entweihung zu. Das ist schwer zu akzeptieren, aber der Text verschweigt es nicht. Das Heiligtum, das Gott gehört, kann angegriffen und geschändet werden. Gottes Schutz ist nicht automatisch.

Doch Gott setzt Grenzen. Die Entweihung dauert nicht ewig. Der Text von Daniel 8,14 nennt eine Zeitspanne: 2300 Abende und Morgen, dann wird das Heiligtum wieder ins rechte Licht gesetzt. Die Krise ist begrenzt.

Gott bewahrt einen Rest. Nicht alle fallen ab. Die Makkabäer und ihre Anhänger zeigen, dass es Menschen gibt, die treu bleiben – selbst unter Verfolgung und Todesgefahr.

Gott führt zur Reinigung. Am Ende steht nicht der Greuel, sondern die Wiederherstellung. Der Tempel wird neu geweiht. Das Muster endet nicht mit der Dunkelheit, sondern mit dem Licht.

Übergang

Mit diesem Kapitel haben wir den historischen Prototyp kennengelernt. Im nächsten Kapitel fragen wir nach der größeren Perspektive: Gottes dreifache Heilsgeschichte. Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Der Greuel ist nicht das Ende. So jedenfalls zeichnet es der Text.

Autor: Jochen Weerda
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung

© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.

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