Kapitel 3: Daniels Gebet und das Wort shuv

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Die Szenerie in Daniel 9,1–2 ist von stiller Dramatik geprägt. Daniel ist inzwischen ein hochbetagter Mann, der Jahrzehnte am babylonischen und nun persischen Hof gedient hat. Er hat Könige kommen und gehen sehen, Reiche aufsteigen und fallen – doch sein Blick bleibt auf die Schriften gerichtet, auf Gottes geoffenbartes Wort.

„Im ersten Jahr des Darius“ – das medisch-persische Reich hat Babylon abgelöst – „merkte ich, Daniel, in den Schriften“, dass die von Jeremia prophezeiten 70 Jahre der Verwüstung Jerusalems fast erfüllt sind. So berichtet der Text. Daniel rechnet nicht triumphierend: „Endlich ist es soweit!“ Stattdessen wendet er sich, wie der Text zeigt, dem Gebet zu. Denn Daniel erkennt, so legt der Text nahe: Das bloße Verstreichen von Zeit ist nicht genug. Gottes Verheißungen erfordern geistliche Vorbereitung, Umkehr und ein demütiges Herz.

Die äußere Zeitspanne mag erfüllt sein – aber ist das Volk innerlich bereit für die Heimkehr? Diese Frage treibt den alten Propheten ins Gebet.

Das Herz des Gebets

Was folgt in Daniel 9,3–19 ist eines der eindrücklichsten Bußgebete der gesamten Heiligen Schrift. Daniel „richtet sein Angesicht zu Gott, dem Herrn, um zu beten und zu flehen mit Fasten, Sack und Asche“. Dieser äußere Ausdruck der Trauer und Demut spiegelt ein inneres Ringen wider: Er tritt nicht als Ankläger auf, sondern als Mitbetroffener, der die Sünde seines Volkes als seine eigene bekennt.

Daniels Gebet entfaltet sich in drei Dimensionen.

Zunächst das Sündenbekenntnis: Daniel bekennt die Schuld Israels – die Abkehr von Gottes Geboten, die Rebellion gegen seine Propheten, die Missachtung des Bundes. Er sagt nicht „sie haben gesündigt“, sondern „wir haben gesündigt“. Er identifiziert sich mit seinem Volk, nimmt die Schuld stellvertretend auf sich.

Dann die Berufung auf Gottes Barmherzigkeit: Er appelliert nicht an menschliche Verdienste, sondern allein an Gottes Charakter.

Dir, Herr, gehört Gerechtigkeit, uns aber Scham des Angesichts. Daniel 9,7

Gottes Name, seine Treue und sein Erbarmen sind die einzige Hoffnung.

Schließlich die Bitte um Wiederherstellung: Daniel fleht für Jerusalem, den Tempel und das Volk.

Neige dein Ohr, mein Gott, und höre! Öffne deine Augen und sieh unsere Trümmer. Daniel 9,18

Es geht ihm nicht um persönlichen Gewinn, sondern um Gottes Ehre und die Erfüllung seiner Verheißungen.

Dieser Gebetsabschnitt zeigt: Gottes Zeitrechnung erscheint hier, so legt der Text nahe, nicht losgelöst von der Herzenshaltung seines Volkes. Noch bevor die große Vision der 70 Jahrwochen kommt, lernen wir durch Daniels Beispiel, dass prophetische Zeitpläne nicht mechanisch ablaufen, sondern in lebendiger Beziehung zu Gott stehen. Umkehr, Fürbitte und Demut sind die geistlichen Koordinaten, innerhalb derer – bildlich gesprochen – Gottes Uhren laufen.

Die Antwort: Der Engel und die neue Perspektive

Während Daniel noch im Gebet versunken ist – mitten in seinem Flehen, noch bevor er zu Ende gebetet hat – geschieht etwas Außergewöhnliches: Der Engel Gabriel erscheint ihm. In Daniel 9,20–23 heißt es, dass Gabriel „zur Zeit des Abendopfers“ zu ihm kommt und sagt: „Daniel, ich bin jetzt ausgegangen, um dich Verständnis zu lehren.“

Diese Formulierung ist bemerkenswert. Gott antwortet auf Daniels Gebet nicht einfach mit einem schlichten „Ja, die 70 Jahre sind bald vorbei, alles wird gut.“ Stattdessen eröffnet er Daniel eine völlig neue, umfassendere Perspektive: Die 70 Jahre Jeremias waren nur der Anfang. Jetzt offenbart Gott eine größere Zeitebene – 70 „Wochen“ (hebräisch: shiv’im shavu’im), also 70 Siebener-Einheiten, die in der Auslegungstradition als „Jahrwochen“ verstanden werden.

Der Blick weitet sich: nicht nur das Ende des Exils, sondern ein heilsgeschichtlicher Gesamtplan kommt in den Blick. Gabriels Botschaft macht deutlich, was Ausleger immer wieder beobachtet haben: Gottes Antwort auf ein Gebet ist oft größer und vielschichtiger, als der Betende es erwartet. Daniel betete um die Erfüllung der 70 Jahre – und bekam eine Vision, die weit darüber hinausgeht.

Die Struktur der 70 Jahrwochen

Die Vision der 70 Jahrwochen in Daniel 9,24–27 ist einer der rätselhaftesten und zugleich bedeutendsten prophetischen Texte der Bibel. Gabriel teilt Daniel mit, dass über sein Volk und die heilige Stadt 70 „Wochen“ bestimmt sind – wobei „Wochen“ hier nicht sieben Tage, sondern symbolisch sieben Jahre bedeuten. Das ergibt insgesamt 490 Jahre – wobei diese Zahl nicht rein kalendarisch, sondern als heilsgeschichtliche Struktur zu verstehen ist, wie viele Ausleger betonen.

Der Text gliedert diese 70 Wochen in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt umfasst 7 Wochen, also 49 Jahre. Er markiert die Phase von der Wegführung bis zur Wiederherstellung unter einem „Gesalbten“ – klassisch verstanden als die Zeit bis zum Wiederaufbau Jerusalems. Der zweite Abschnitt umfasst 62 Wochen, also 434 Jahre. Er erstreckt sich über mehrere Jahrhunderte und führt zu einem weiteren „Gesalbten“, der „ausgerottet“ wird. Der dritte Abschnitt ist die letzte Woche, also 7 Jahre. Sie umfasst eine Zeit intensiver Krise: Bund, Opfer, Greuel der Verwüstung.

Der Text nennt mehrere Ziele dieser 70 Wochen: Vollendung der Übertretung, Sühnung der Schuld, Einführung ewiger Gerechtigkeit. Diese dreigeteilte Struktur ist, so die strukturorientierte Auslegung, keine einfache lineare Abfolge im modernen Sinn, sondern ein göttliches Muster, das sich mehrfach in der Geschichte widerspiegeln kann. Die Zahlen sind symbolisch aufgeladen und weisen auf Gottes souveräne Zeitplanung hin, die weit über menschliche Rechenmodelle hinausgeht.

Das kleine Wort shuv

Im Zentrum der Vision steht ein unscheinbares, aber hochbedeutsames hebräisches Wort: tashuv (תשוב), abgeleitet von der Wurzel shuv (שוב). Dieses Wort bedeutet grundlegend „zurückkehren, umkehren, wiederherstellen“ – und es trägt in der biblischen Theologie eine enorme geistliche Tiefe.

Im ursprünglichen hebräischen Konsonantentext – der ohne Vokalzeichen überliefert wurde – ist diese Form grammatisch offen. Zwei Lesarten sind möglich.

Die erste, klassische Lesart versteht tashuv als Feminin der dritten Person: „sie wird wiederhergestellt“ – bezogen auf Jerusalem, die Stadt als feminines Subjekt im Hebräischen.

Die zweite, alternative Lesart versteht es als Imperativ der zweiten Person: „du sollst zurückkehren“ – ein Befehl an Daniel, gedanklich zum Ausgangspunkt zurückzugehen.

Beide Lesarten sind grammatisch möglich, und der jeweilige Kontext entscheidet, welche Bedeutung der Leser wählt. Diese Ambiguität ist nicht Schwäche, sondern Reichtum des Textes: Der Text spricht möglicherweise auf mehreren Ebenen gleichzeitig.

Die alternative Lesart eröffnet eine faszinierende Dimension: Was, wenn Gott Daniel auffordert, gedanklich zum Startpunkt zurückzukehren – zur Jahreszahl 605 v. Chr.\ – und von dort aus zwei parallele Zeitlinien zu betrachten?

Zwei Linien ab einem Startpunkt

Die traditionelle Auslegung der 70 Jahrwochen liest die Zeitabschnitte meist als lineare Abfolge: 7 Wochen + 62 Wochen = 69 Wochen hintereinander, dann eine Lücke, dann die letzte Woche. Doch die Lesart mit shuv als Imperativ eröffnet eine alternative Struktur, die einige Ausleger vertreten.

Nach dieser Lesart beginnen beide Zeitlinien am selben Startpunkt: 605 v. Chr., dem Jahr der ersten Wegführung und Jeremias prophetischem Wort.

Die erste Linie umfasst 7 Wochen, also 49 Jahre. Von 605 v. Chr.\ gerechnet führt diese Zeitspanne zur Ära des Kyrus, des persischen Königs, der in Jesaja 45,1 als „Gesalbter“ (hebräisch: mashiach) bezeichnet wird. Kyrus erlässt das Edikt zur Rückkehr der Juden und zum Wiederaufbau des Tempels – ein erster großer Heilsmoment. Diese 7 Wochen markieren die Phase der Wiederherstellung Jerusalems im äußeren, politischen Sinn.

Die zweite Linie umfasst 62 Wochen, also 434 Jahre. Von 605 v. Chr.\ gerechnet führt diese längere Linie in die Zeit des Antiochus IV.\ Epiphanes und der Makkabäeraufstände. Antiochus entweihte den Tempel, errichtete den „Greuel der Verwüstung“ und löste damit die größte Krise des nachexilischen Judentums aus.

Das Bemerkenswerte an dieser Lesart: Beide Linien beginnen am selben Startpunkt. Shuv fordert Daniel auf, gedanklich dorthin zurückzukehren und von dort aus zwei parallele Entwicklungen zu sehen. Die erste führt zur Wiederherstellung unter Kyrus, die zweite zur endzeitlichen Krise unter Antiochus. So verstanden arbeitet der Text nicht mit einer einzigen geraden Linie, sondern mit mehrschichtigen, ineinander verwobenen Zeitstrukturen.

Diese Lesart ist eine unter mehreren möglichen. Sie zeigt jedoch, wie reich und vielschichtig der Text von Daniel 9 ist – und wie das kleine Wort shuv zum hermeneutischen Schlüssel werden kann.

Die letzte Woche und der Greuel

Die 70.\ Woche – die letzte der Jahrwochen – nimmt im Text von Daniel 9,27 einen besonderen Platz ein. Sie wird als Zeit intensiver Krise beschrieben: Ein Herrscher schließt einen festen Bund, doch „zur Hälfte der Woche“ lässt er Opfer und Speisopfer aufhören und richtet „Greuel der Verwüstung“ auf.

Der unmittelbarste historische Bezugspunkt dieser letzten Woche ist Antiochus IV.\ Epiphanes, der von 175 bis 164 v. Chr.\ regierte. Dieser seleukidische Herrscher versuchte, das Judentum gewaltsam zu hellenisieren. Er verbot die Tora-Observanz, Beschneidung und Sabbatheiligung. Im Dezember 167 v. Chr.\ entweihte er den Jerusalemer Tempel, indem er einen Zeus-Altar im Heiligtum aufstellen ließ – der „Greuel der Verwüstung“. Dies löste den Makkabäeraufstand aus, der zur Wiedereinweihung des Tempels führte, die bis heute als Chanukka gefeiert wird.

Diese Ereignisse entsprechen der Struktur von Daniel 9,27 und werden in Daniel 11 ausführlich beschrieben. Antiochus ist, so die strukturorientierte Auslegung, der historische Prototyp – ein Referenzereignis, das zeigt, wie das Muster des „Greuels“ wirkt. Die Prophezeiung bleibt jedoch offen für spätere Erfüllungen.

Prototyp und Eskalation

Das Faszinierende an dieser letzten Woche ist, dass sie nicht auf einen einzigen historischen Moment beschränkt ist. Jesus selbst greift in seiner Endzeitrede (Matthäus 24, Markus 13) auf Daniels Sprache zurück und spricht vom kommenden „Greuel der Verwüstung“. Er bezieht das Muster von Antiochus auf die Zerstörung Jerusalems 70 n. Chr.\ durch die Römer und darüber hinaus auf eschatologische Ereignisse.

Das ist das verbindende Prinzip, das der Text selbst nahelegt: Prophetie operiert, so diese Lesart, durch wiederkehrende Muster, nicht durch einmalige Countdowns. Ein prophetisches Wort kann mehrere Erfüllungsebenen haben. Antiochus im 2.\ Jahrhundert v. Chr.\ ist die erste historische Erfüllung, der Prototyp der Tempelentweihung. Die Zerstörung 70 n. Chr.\ durch Rom ist eine zweite Erfüllung, auf die Jesus hinweist. Spätere Erfüllungen eskalieren das Muster, ohne ihm zu widersprechen.

Der Greuel ist, so zeigt der Text, nicht das Ende. Gott lässt zu, dass sein eigenes Heiligtum angegriffen und entweiht wird – aber nicht, um es zu vernichten, sondern um es tiefer zu reinigen. Die Entweihung ist schmerzhaft, doch sie ist nicht das letzte Wort. Das Muster zeigt: Nach dem Greuel kommt die Wiederherstellung.

Übergang

Mit diesem Kapitel haben wir das Herzstück des Buches betreten: Daniels Gebet, die Antwort Gabriels und die Struktur der 70 Jahrwochen. Wir haben das kleine Wort shuv kennengelernt und gesehen, wie es zum hermeneutischen Schlüssel werden kann. Wir haben die dreigeteilte Struktur der Jahrwochen betrachtet und den historischen Prototypen Antiochus verortet.

Im nächsten Kapitel vertiefen wir diesen historischen Bezug: Wer war Antiochus IV.\ Epiphanes? Was geschah genau im Jahr 167 v. Chr.? Und warum greift Jesus Jahrhunderte später auf genau dieses Ereignis zurück, um seine Jünger auf kommende Zeiten vorzubereiten?

Das Grundmuster bleibt: Gott zählt, Gott begrenzt, Gott führt hindurch. Vom Abend zum Morgen. Von der Krise zur Wiederherstellung. So jedenfalls lässt sich der Text lesen.

Autor: Jochen Weerda
Serie: Die verborgene Uhr Gottes — Bibelarbeiten zur biblischen Zeitordnung

© Jochen Weerda. Alle Rechte vorbehalten. Die Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechts bedürfen der vorherigen schriftlichen Zustimmung des Autors. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung.

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